Ostkarte #042 – Peru, oder: Busreisen ans Ende der Nächte auf der Suche nach der verlorenen Kamera

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Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Westernstadt samt Zuggleisen, die durchs Zentrum führen,…

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…ist eines der künstlichsten und touristischsten Dörfer, die ich kenne, nämlich Aguas Calientes, das Einfallstor zum Machu Picchu, einer Sehenswürdigkeit von Weltformat, einem Ort des Umstands und des Wadenschmerzes für all jene, die sich auf das dem Touristen aufgedrängte Spiel „Zahlen – oder leiden“ nicht per gezückter Brieftasche einlassen wollen. Trotz all der institutionalisierten, nur monetär eliminierbaren Hürden: man wird reichlich entlohnt. Denn auch wenn dieser Zitadelle der Inkas ein erheblicher Hype vorauseilt; diese eigens gesehen zu haben, ist eine kaum überbietbare Erfahrung.

Machu Picchu sollte also ein lang herbeigesehnter Höhepunkt Südamerikas werden. Dafür poltere ich erstmals durch dieses doch recht große Land mittels unzähliger Nachtbusse, denn ein Dämon sitzt mir im Nacken: Nach fünf Jahren des Mißbrauchs hat meine Kamera, der schon längst all der Gummi abgefallen ist und die sich regelmäßig von selbst abzuschalten pflegte, irgendwo in Ecuador Beine bekommen. Und es ist ja nicht so, dass in Südamerika, einem Kontinent der Einfuhr- und Luxussteuern, eine Spiegelreflexkamera einfach aufzutreiben wäre. Also rase ich in die nächste Metropole.

Fressen im Moloch

Lima, 8 Mio. EW, bekannt für ihre Technologiegraumärkte, ein selten hässlicher Moloch, dem ironischerweise der Titel der kulinarischen Hauptstadt Südamerikas in den Schoß gefallen ist. Zwei Nachtbusse in Folge später tauche ich meine Zähne in Ceviches, rohen Fisch (häufig Forelle), der, mittels Zitrone denaturiert, mit gehackter Zwiebel serviert wird.

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(1 Uhr: Ceviches; 3 Uhr: Muschel; 4 Uhr: Süsskartoffel; 6 Uhr: Mais; 9 Uhr: eine Art Erdäpfelschmarrn; 11 Uhr: alles, was im Netz hängenbleibt und frittiert werden kann; Zentrum: Risotto; rechts: Chicha = sehr süsse Maislimonade, der man ihren Hauptbestandteil so gar nicht rausschmeckt [Photo mit bestem Dank und Genehmigung von Kristin Penzel])

In dieser kulinarischen Einöde Südamerika, die auf mindestens drei Quellen von Kohlenhydraten je Mahlzeit besteht, ist mir dieser erzwungene Zwischenstopp sehr willkommen. Und ich setze fort, alles in mich zu stopfen, was so im Fischernetz hängenblieb und frittiert werden konnte. Eine Ersatzkamera finde ich dann auch zu halbwegs brauchbaren Konditionen (sprich: US-Marktpreis + 25% Lateinamerika-Aufschlag).

Auf der Suche nach landschaftlichen Superlativen backtracke ich in die Cordillera Blanca, wo ich nicht fündig werde

Bus, 8 Stunden Backtracking in die Berge. Ich melde mich fürs Trekking an, das nicht zustande kommt. Da ich aber eh alles fürs autonome Campen dabei habe, mache ich mich zum ersten Mal alleine auf den Weg in die Berge. Also: 20kg Equipment, 3 Tagesmärsche und dünne Luft auf 4.000 bis 5.000 Meter Höhe.

Der erste Tag bietet ein paar schöne Bergansichten.

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Der zweite Tag führt bis auf 4.750m Höhe, wo Aussichten warten sollten, sich aber wetterbedingt nicht sehen lassen.

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Immerhin gelingt es mir – nach mehr als einer Stunde – mein Zelt halbwegs broschürengerecht aufzubauen (kein schlechtes Ergebnis eingedenk dessen, dass ich die Broschüre nie gesehen habe und dass mein Zelt von autistischen Raketeningenieuren für Ihresgleichen designt wurde).

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An sich funktioniert der Trek (Santa Cruz; die populärste mehrtägige Option in der Cordillera Blanca) über drei Nächte. Da mir aber der zweite Tag – schlechtes Wetter, hohe Anstrengung – nicht sonderlich gefiel, kürze ich um einen Tag. Der dritte Tag ist dann landschaftlich und wettermäßig am besten, dann halt aber sehr anstrengend, weil ich praktisch 10 Stunden durchmarschiere, um die Zivilisation zu erreichen, von wo einen dann Colectivos (Sammeltaxis) zurück zum Ausgangspunkt bringen.

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Durch ein enges Tal folgt man dem Flusslauf bergab. Und sollte irgendwann Unsicherheit aufkommen, hält man sich einfach an den Pfad der „Brotkrumen“, die von Eseln und Pferden reichlich hinterlassen werden.

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Das im Hintergrund ist nicht Machu Picchu:

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Fazit: Der Trek ist fürs erste Aufwärmen nicht schlecht und für mich persönlich wichtig, da ich gesehen habe, dass ich autonom in der wilden Natur überleben kann. Aber anhand der Bilder kann man sicherlich auch erkennen, dass es woanders jedenfalls mehr zu sehen gibt.

Den Gringo-Trail lasse ich mit groben Schritten hinter mir

Es gibt eine mehr oder weniger vorgegeben Route, anhand derer sich die Massen von Touristen, die Peru Jahr um Jahr aufsuchen, entlang bewegen. Ich lasse hier einiges aus, weil es mich nicht interessiert, und begebe mich – mal wieder mittels zweier Nachtbusse in Folge – direkt nach Arequipa, einer dieser so vielen Kolonialstädte in Südamerika, die im Endeffekt aus nicht viel mehr als einem schönen Hauptplatz und ein paar Kirchen und ein paar überteuerten Klöstern besteht. Da es davon und in weitaus höherer Qualität (und gegen weitaus geringeres Eintrittsgeld) mehr in Europa gibt, entscheide ich mich gegen übermäßiges Sightseeing hier. Dennoch: die Stadt selbst ist nicht unfreundlich und weist an die 500 Sonnentage im Jahr auf. Eine gute Zwischenstation also.

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Für Kolonialkirchen charakteristischer Stil: mit reichlich exotischem Gewächs verzierte Front:

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Cusco ist sich seiner Reize bewusst und hat es auf deine Kohle abgesehen (aber ich bin schlauer)

Nachtbus Numero 5 später: Eine der großen Perlen Lateinamerikas. Cusco ist (neben Quito, Ecuador) die bislang interessanteste Stadt Lateinamerikas: Tolle, hügelige Lage. Spannende Kirchenensembles, schöne Plätze, Kopfsteinpflaster – und sonst eine Menge zu tun (manch Reisender versackt hier zwischen Bungee Jumping und Saufgelagen mehrere Wochen in seliger Agonie). Es ist eines der Zentren lateinamerikanischer Archäologie: Ruinen in der Stadt und in der Umgebung – und da gäbe es noch Machu Picchu. Zum ersten Mal auf dieser Reise gelingt es mir, von Früh auf den ganzen Tag in der Stadt zu verbringen, ohne dass mir langweilig wird.

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Und dabei lasse ich alles aus, was Eintritt kostet, und das ist in Cusco und Umgebung so gut wie alles: Für die meisten Kirchen benötigt man ein Sammelticket für religiöse Stätten (bedeutet: willst du eine Kirche von Innen sehen, musst du für alle bezahlen). Für die archäologischen Stätten (der Stadt und der Umgebung) ist ein weiteres Sammelticket notwendig. Die Preise: mehr als gesalzen. Und ich war ursprünglich sogar bereit mein Sparschwein zu plündern, da ich durchaus ruinenaffin bin. Eine gepflegte Googlerei später, als ich feststellen musste, dass die meisten Inkaruinen eigentlich nur Fundamente oder lose große Steine sind, besann ich mich eines Besseren. Ein Beweis gefällig? Auf einer geführten Tour in die Umgebung der Stadt konnte ich einen guten Blick auf die wichtigsten Ruine bei Cusco werfen (Saqsaywaman): drei Reihen von Mauern.

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Die Umgebung Cuscos ist durchaus einen Abstecher wert:

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Das Leiden verlängern, oder: die große Ouvertüre zum Machu Picchu ist der Salkantay Trek

Es ist 4 Uhr früh und ich werde abgeholt. Für das, dass die Südamerikaner als faul gelten, muss ich hier gewaltig oft mitten in der Nacht aufstehen. Ein Paradies für jeden strebsamen Protestanten.

Der Salkantay Trek ist quasi eine fünftägige Pilgerfahrt durch die Berge bis zum Machu Picchu. Hochgradig populär mit ungeübten Touristen und landschaftlich abwechslungsreich inkl. Passquerung auf 4.800m und Dschungelwanderung. Das Ganze erweist sich für mich nach Santa Cruz als leichte Unterforderung. Tatsächlich konnte ich mangels Anstrengung keine Nacht schlafen und brachte volle Wasserflaschen zurück ins Lager, weil ich einfach niemals durstig wurde.

Tag 1: Aufstehen um 4, mehrere Stunden im Minibus, ein paar Stunden der Wanderei mit wenigen schönen Panoramen. Das Lager wird dann gegen Mittag aufgeschlagen – eine Vorsichtsmaßnahme für die noch nicht Akklimatisierten.

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Omnipräsent: Grasende Pferde.

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Unten rechts: das erste Nachtlager. Von Anfang an erstaunlich für mich: Die Qualität der Campingplätze. Die Zelte werden unterstellt und es gibt (saubere!) Sitztoiletten. Essen (wir haben einen eigenen Koch und einen eigenen Guide; bis zu 5kg können wir uns von Eseln transportieren lassen) wird in der Hütte gereicht.

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Tag 2: Die gemütlichste Passquerung, die ich je mitgemacht habe. Nur Pedro, unser Schmerzensmann aus Brasilien, diese Temperaturen und Höhen und Schuhe nicht gewöhnt, leidet beeindruckend leise vor sich hin.

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Alles andere als eins mit der Natur: Der Salkantay Trek als Almauftrieb für viele Touristen.

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Und Pedro sieht zum ersten Mal Schnee.

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Wir durchqueren die nebligen Highlands. Das Wetter, so sagt man es mir, ist hier zumeist scheiße.

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Lieblingsbild von Tag 2:

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Tag 3: Beim Verlassen des Lagers erst stellen wir fest, wie spektakulär wir gelegen sind.

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Lager gegenüber:56

Auf den Abstieg durch den Dschungel habe ich mich nicht gerade gefreut, da Dschungel überbewertet sind. Zum eigenen Erstaunen gefällt mir dieser Abschnitt aber am besten.

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Unberührte Natur:

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Orchidee:

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Wir kommen irgendwie gegen Mittag an – und schinden Zeit, weil es ab da nichts mehr zu tun gibt, außer die Option heißer Quellen (echt jetzt?) wahrzunehmen. Theoretisch wäre Machu Picchu in fünf Stunden erreichbar. Der allgemeine Tenor: Was tun wir bitte hier?

Tag 4: Wir werfen für ein Taxi zusammen, was uns zwei Marschstunden entlang einer staubigen Straße erspart. Danach: 3 Stunden entlang von Gleisen bis zur Westernstadt Aguas Calientes.

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Das war jetzt nach vier Tagen Trekking der dritte freie Nachmittag. Potenzial für Straffung wäre also durchaus gegeben gewesen. Deswegen murre ich natürlich ein wenig.

Machu Picchu muss man sich erleiden

Es gibt unzählige Wege, um Machu Picchu zu erreichen. Grundsätzlich: Die Straße hört drei Fußstunden vor dem eigentlichen Ziel auf. Willst du nicht entlang der Gleise gehen (siehe oben), gibt es nur mehr die Möglichkeit des überteuerten Zuges. Dieser Zug fährt übrigens nicht direkt in die nächste große Touristenstadt (namens Cusco); die Gleise hören ca. 90 Minuten vorher auf, Umsteigen in einen Bus ist also unvermeidlich. Ticketpreise für die kurze Fahrt? Frage nicht.

Hast du es nach Aguas Calientes geschafft, willst du am nächsten Tag zum Machu Picchu. Das Ticket kostet 42 USD + jeweils 5 USD für die Besteigung einer der zwei Berge. Doch dazu später. Machu Picchu liegt ca. 400 Höhenmeter über Aguas Calientes. Wie kommt man hin? Zwei Varianten: Bus (12 USD in eine Richtung für 10 Minuten Fahrt) – oder per pedes. Das heißt: 20 Gehminuten zu einer Brücke – und dann 1.800 steile Steinstufen bis zum Haupteingang der Anlage. Es gilt: Die Brücke sperrt um 5 Uhr früh auf (an der Brücke werden Ticket und Ausweis kontrolliert, wodurch sich alles etwas verzögert), Machu Picchu selbst öffnet um 6 Uhr. Wer als einer der ersten hinein möchte, muss sich also in zweierlei Hinsicht beeilen. Erstens: früh genug aufstehen, um früh genug bei der Brücke zu sein – sonst heißt es warten in der Schlange. Zweitens: schnell genug die Stufen rauf gehen. Natürlich kann man auch den Bus nehmen, doch um in den ersten Bus zu gelangen, der gegen 6 Uhr früh am Haupteingang ankommt, darf man sich auch dementsprechend früher aufstehen.

Ich bin durchaus motiviert, mir Machu Picchu in Ruhe und ohne Horden von Mitleidenden anzusehen. Ich stehe also um 4 Uhr früh auf, komme gegen 5 Uhr früh an der Brücke an – und bin irgendwie einer der letzten. Vor mir: Hunderte junge Touristen. Die Brücke öffnet um 5, die Schlange setzt sich langsam in Bewegung. Als ich endlich kontrolliert werde, habe ich bereits 20 Minuten auf die ersten verloren. Nun die 1.800 steilen und engen Steinstufen, die von unausgeschlafenen jungen Amerikanern blockiert sind. Der Aufstieg soll eine Stunde dauern. Von manchen Stolzen habe ich vernommen, dass sie nur 45 Minuten gebraucht hätten. Wie also soll es gelingen, nicht nur die Massen zu überholen, sondern auch noch vor den Bussen ans Ziel zu gelangen? Ich schalte das Hirn aus und kämpfe mich atem- und pausenlos an allen vorbei nach oben. Nach 35 Minuten bin ich oben als einer der ersten in der Schlange.

Ich passiere den Haupteingang. Innen drinnen: weitere Stufen nach oben. Ich mobilisiere die letzten Kräfte für einen weiteren Aufstieg. Und dann werde ich reichlich beschert:

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An sich sollte ich einen Rundgang mit unserem Guide durchführen, der uns dann irgendwas über Inka-Mythologie berichten würde. Aber ich sehe die Chance, diese riesige, einzigartige Stätte für mich zu entdecken. Ich steige also in die Ruinenstadt hinab, während hinter mir die Sonne aufgeht – perfektes Wetter.

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Rasenmähen by Llama:

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Erstaunlich gut erhaltene Mauern:

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Ein Blick auf die gegenüber liegende Seite lässt die gewaltigen Dimensionen dieser Terrassenanlage besser erkennen:

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Und in der Entfernung: Schneebedeckte Berge.

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Nun gäbe es die Möglichkeit, den ikonischen Berg im Süden der Anlage zu erklimmen. Doch die Tickets sind limitiert und Monate im Voraus ausgebucht. Bleibt mir nur mehr der Machu Pichhu selbst, ein Berg im Norden, nach dem die ganze Anlage benannt wurde. Das heißt: 2.000 steile Steinstufen weiter nach oben für einen Ausblick, der sich hoffentlich lohnt…

Fast oben. Die Regenbogenfahne der Inka weht.

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Ganz oben:

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Und, ja, der Ausblick lohnt. Denn erst von hier oben erschließt sich die einzigartig geniale Lage von Machu Picchu: Plötzlich sind es zwei Kegel inmitten einer grünen Landschaft des Nichts, durch die sich schlangenlinienförmig ein Fluss windet.

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Auf der anderen Seite bietet sich eine gute Aussicht ins Tal bis nach Hidro Electrica. Dort beginnt wieder die Straße und dort wartet in wenigen Stunden ein Minibus auf mich. Ich muss also recht zügig wieder hinunter.

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Der Abstieg – durchaus steil:

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4000 Stufen hinabzusteigen erweist sich als der mühsamere Part der ganzen Unternehmung. Dann: 20 Minuten ins Dorf, weitere Stufen bis in die Peripherie, Sachen schnappen, 20 Minuten zurück. Und dann weitere mühsame 2 Stunden den Gleisen entlang zurück zur Straße. Dort warten bereits mehrere Busse auf die zurückeilenden Touristen. Chaotisch wie immer findet man seinen Platz – und tritt die mit 6 Stunden erstaunlich lange und holprige Reise zurück nach Cusco an. Jeder ist erschöpft, niemand ist unzufrieden.

Cusco liegt im Süden Perus. Denjenigen, die vom Norden hierher kamen, bleibt nicht mehr viel übrig als entweder zurück nach Lima zu finden und dort einen Flieger (den nach Hause?) zu nehmen. Andere setzen in den Süden fort, vorbei am Titicaca-See, 4000 Meter über dem Meeresspiegel, ins wilde, arme, sozialistische Hochlandgebiet Boliviens, von dem man sehr viel Gutes vernimmt. Ich gehöre der letzten Gruppe an. Mein sechster peruanischer Nachtbus ist rasch gebucht.

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