Ostkarte #048 – Zentralamerika, oder: Bustransporte aus der Hölle 2 von 3 (El Salvador, Honduras)

ElS_Pan

Das ist der zweite Teil der Chicken Bus-Trilogie über Bustransporte aus der Hölle in Zentralamerika. Teil eins hat hier nicht für Furore gesorgt. Ich rekapituliere und greife vor: Nach zwei nicht durchgeschlafenen Nächten auf südamerikanischen Flughäfen bin ich etwas im feuchten Panama hängengeblieben. Mangels Geilheit auf Costa Rica habe ich mich binnen zweier Tage durch Ebendieses ins arme Nicaragua transferiert, wo die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufhört, und die ansrangierten US-Schulbusse erst so richtig ins Rollen kommen. In einer Mischung aus Gehetztheit und Desinteresse suche ich hier nach vier Nächten das Weite im Engen des Kleinstaates El Salvador, einem von nur zweien der glorreichen Sieben Zentralamerikas, die Zugang zu nur einem Ozean haben. Aber immerhin…

Hier zum zweiten Mal die Übersicht über Zentralamerika. Ich bin also bereits im obersten Drittel angelangt.

CA

Es ist 0530 Ortszeit. Wir befinden uns im Hochland Nicaraguas. Tiefer Nebel über dem Territorium. Ich bin auf dem Weg zu meinem (ersten) Bus und bin ein wenig aufgeregt, da ich keine Ahnung habe, ob mein Plan aufgeht. Der Plan: In einem fast nirgends dokumentierten Direktversuch vom Hintertupfing Nicaraguas bis in den Nordwesten El Salvadors vorzudringen, dem touristischen Ballungszentrum dieses Staates. Ein Unterfangen, das in einem Tag so nicht zu bewerkstelligen ist: 500km, 2 Grenzübergänge, 8 Buswechsel. Das alles kostet Zeit, es droht die Gefahr, die 18er-Grenze zu überschreiten, wenn es Abend wird. Und in den zwei Ländern mit den höchsten Mordraten der Welt möchte man nicht unbedingt unterwegs sein, wenn es dunkel wird. Klar: Nur Statistiken. Dennoch: Eine gewisses Aufgeregtsein kann ich mir bei bestem Willen nicht verkneifen.

Und dann kommt es so, wie es immer kommt, wenn man individuell reist: Es ist zwar alles nervig und mühsam, aber absolut ungefährlich. Ich benötige zwei Busse bis zur Grenze mit Honduras. Obwohl ich mich in einer Art von Union bewegen sollte, kocht jedes Land hier sein eigenes Süppchen. Man muss sich anstellen, man muss irgendwas bezahlen, alles verzögert sich. Und ob man jetzt einen Stempel benötigt oder nur eine Touristenkarte vom ersten Unionsland oder beides oder eine weitere Touristenkarte, so genau weiß das hier niemand und mein Spanisch reicht nicht aus, um nachzufragen. An der Grenze warte ich eine Stunde, bis sich der Fahrer des Colectivos entscheidet, nicht mehr darauf zu warten, dass noch jemand den Van auffüllt. Dazwischen warnen mich die Honduraner vor El Salvador, das sehr gefährlich sein soll. Ich frage: Gefährlicher als Honduras?

In der nächsten Stadt Umstieg auf den nächsten Bus zur nächsten Stadt. Dort: Suche nach dem Bus zur Grenze mit El Salvador, denn es gibt auch in den kleinsten Städten häufig mehrere Busterminals. Ausnahmslos überall bin ich der einzige Ausländer.

Nach 5 Bussen erreiche ich endlich El Salvador, wo ich zu meiner Verwunderung nichts bezahlen muss und die Amtsstuben klimatisiert sind. Ich muss leider draußen bleiben, presse mich aber anmutig ans Fensterchen.

Ein Blick auf das Niemandsland zwischen Honduras und El Salvador:

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El Salvador

Die Grenzgebiete in Mittelamerika sind eine eigene Welt. Wo sonst wird man in der Warteschlange zum Stempel von Bettlern und Verkäufern belästigt? Jedenfalls schaffe ich es an diesem Tag nur bis San Miguel. Den Busbahnhof, den man nach Anbruch der Dunkelheit unbedingt meiden sollte, erreiche ich nach Anbruch der Dunkelheit. Und? Alles ruhig, nichts passiert. Ich beziehe mein Hotel, hole mir – was sonst? – irgendwas mit Huhn, am nächsten Tag benötige ich 3 Busse und 5 Stunden, und dann bin ich endlich in Santa Ana.

Ich bin hier nicht der Erste…

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Ich atme durch, da die Zeit der langwierigen Transfer hiermit vorbei sein dürfte, aber das war sehr naiv von mir. Zwar wird in El Salvador stärker differenziert, es gibt bessere/schnellere/direktere Busklassen, aber die fahren nur zwischen größeren Städten. Sonst bin ich weiterhin auf Schulbusse angewiesen, die hier auffällig häufig Kuschelrock aus den 80ern („Lady in red“!) spielen und teilweise tatsächlich – das ist keine dramaturgische Zuspitzung! – alle 20 Meter halten, weil sich hier jeder vor die eigene Haustür kutschieren lassen möchte.

Kirche in Santa Ana:

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Der Wörthersee El Salvadors, wo die Reichen und Korrupten ihre Haciendas haben:

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Chickenbus ins Hochland hinein. Die Busterminals befinden sich meistens dort, wo sich die Märkte befinden – oder umgekehrt. Santa Ana ist diesbezüglich extrem: Der Busbahnhof, eigentlich nicht viel mehr als ein größerer Vierkanthof, wurde hier vom Markt quasi zugebaut. Für die 100m vom Terminal zur Hauptstraße benötigt der Bus 15 Minuten im Schneckentempo an hunderten Ständen vorbei, währenddessen rund 50 fliegende Händler durch den Gang geschleust werden. Sie verkaufen nicht nur Snacks und Getränke, sondern auch Zahnpasta, Unterhosen und Vitamine.

Ich weiß bis heute nicht, wie man Juayua korrekt ausspricht, aber es ist ein angenehmes Dorf mit Gastronomiemesse am Wochenende, freundlichen Einwohnern (und Touristen) und vorgeschnittenem Obst an der Straßenecke.

Ausflug zu Wasserfällen:

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Vulkane gibt es in Zentralamerika an jeder Straßenecke wie vorgeschnittenes Obst:

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Von allen mittelamerikanischen Ländern fühlte ich mich in El Salvador am wohlsten. Nicht, dass es hier so viel zu sehen gäbe (und nicht, dass ich viel unternommen hätte, um mehr aus diesem Land – und allen anderen hier – herauszuholen), aber die Hostels waren großartig und die Mitreisenden freundlich.

Eine weitere Besonderheit in El Salvador ist, dass Regionalbusse nur Knotepunkte anfahren. Will man darüber hinaus, muss man umsteigen. Dies wurde mir zum Ärgernis auf dem Weg nach Honduras.

Honduras

Copan Ruinas, die zweitwichtigsten Mayaruinen südlich von Mexiko, befinden sich im Grenzgebiet zu Guatemala ca. 200km nördlich von Juayua, El Salvador. Hier möchte ich den weihnachtlichen Trubel aussitzen und werde auf dem Weg dorthin zum Schmerzensmann. Die Eckpunkte meines Kalvarienbergs: 200km. 12 Stunden. 11 Busse. Mit über 20kg Gepäck. In Bussen ohne Kofferraum.

Nach 7 Bussen, jedenfalls, erreiche ich erst die Grenze zu Guatemala, durch das ich durch muss, obwohl Honduras auch an El Salvador grenzt. Ich bin da bereits sehr leicht reizbar und für komische Aktionen zu haben (aufs Klo gehen, während mein Pass kontrolliert wird, zum Beispiel). In den USA würde ich längst in Guantanamo sitzen, hier gibt man mir den Stempel, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber die Mühen haben sich schließlich gelohnt!?

Nein, haben sie nicht.

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Ich bin am 24.12 als erster im archäologischen Park. Die paar Pyramiden, nicht sonderlich schön restauriert, sind ziemlich plump, die Skulpturen haben Qualität, werden aber hässlich präsentiert, sollten eigentlich ins Museum.

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Nur die vielen bunten Vögel hieven diesen Besuch übern Durchschnitt.

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Copan kann bei Weitem nicht mit den archäologischen Schätzen in Asien mithalten. Und angesichts dessen, dass Copan als derart besondere Stätte in Zentralamerika gilt, mache ich mir langsam Gedanken. Denn ich habe in den kommenden Wochen noch sehr viele andere Mayaruinen eingeplant.

25.12, 0700 früh: Ich setze mich in den Bus.

To be continued…

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