Ostkarte #050 – Mexiko (1), oder: Das Indien der Amerikas

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Mit Mexiko, einem dieser Länder mit schlechtem Ruf, verbinde ich erst einmal Kartelle und Kakteen (und umständlich große Hüte). Ein Glück ist es also, dass ich mich hierzu noch rechtzeitig schlau mache und sodann alles unternehme, um meinen geplanten zweiwöchigen Aufenthalt möglichst auszudehnen. Das fehlende Interesse an Zentralamerika kommt zu Hilfe, hier kürze ich radikal, und am Ende habe ich ein Zeitbudget von 30 Tagen rausgequetscht.

Mexiko habe ich zweigeteilt, um einen Photo-Overkill mit Immergleichem zu vermeiden. Im diesem ersten Teil reise ich von Süden, der Halbinsel Yucatan, bis vor die Tore von Mexico City. Der Schwerpunkt ist eher auf Präkolumbien gelegt. Im zweiten Teil behandle ich alles, was ich in dieser Megapolis und nördlich davon erlebt habe. Hier konzentriere ich mich eher auf die vielen schönen Kolonialstädte.

Yucatan

Die Halbinsel Yucatan ist gespickt mit bunten Städtchen und (Maya-)Ruinen, die wie Satelliten im Einzugsgebiet touristischer Agglomerationen vor sich hin verfallen. Angesichts der Anzahl der Stätten filtre ich grob nach Preis und Erreichbarkeit. Alles kann man sich hier echt nicht ansehen.

Irgendwann wurde Chitzen Itza zu den neuen 7 Weltwundern hinzugezählt, ein Marketingschmäh, weswegen die Anlage immer prallvoll ist mit Bustouristen, die organisiert vom 90 Minuten entfernten infamen Cancun hergekarrt werden. Ich möchte hier früh hin, um den Massen zu entkommen, bin dann aber zu faul, um rechtzeitig aufzustehen. Zu meiner Überraschung bin ich dann trotzdem erster am Gelände – ich habe irgendwie nicht mitbekommen, dass ich mich in einer anderen Zeitzone befinde.

Absoluter Mittelpunkt der Anlage ist dieser Kalender in Form einer riesigen Pyramide:

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Es ist ein schönes Stück präkolumbianischer Architektur, der Rest des ausschweifenden Parks ist eher naja und verliert gewaltig an Charme mit dem radikalen Zustrom an Touristenfleisch.

Das fand ich noch nett verziert. In Kambodscha hätte ich den Tuk Tuk dafür aber nicht angehalten.

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Ek Balam profitiert von der Nähe zu Chitzen, was sich auch preismäßig äußert. Die Stätte ist weniger prägnant, dafür halt auch weniger überrannt.

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Ich übersiedle nach Merida, einer schön bunten Großstadt mit tollen Fressmärkten. Auch hier sind Ruinen in der Umgebung, aber ich entscheide mich, weil ich mich kurz vor dem Kollaps befinde, für bedingungslose Ruhe in einem Hostel mit Pool und Buffetfrühstück (und Wifi).

Am Hauptplatz von Merida:

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Campeche, 3 Stunden südlich, hätte den wohl am schönsten erhaltenen Kolonialkern Südmexikos, wäre es hier nicht so furchtbar zugeparkt. Dafür gibt es Sandwiches mit Schweinefleisch, das wie Tunfisch schmeckt, weil es so zart ist und so lange in Olivenöl behandelt wird.

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Und die obligate, angenehm leere Ruine mit dem sogar für mexikanische Verhältnisse spröden Namen Etzna.

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Palenque

Nach dem Horror Zentralamerikas werde ich von Mexikos Bussystem verwöhnt. Es ist dahingehend verwirrend, da es 4-5 Klassen von Bussen gibt, die von unterschiedlichen Terminals abfahren, unterschiedliche Highways nehmen (mexikanische Autobahnen können sehr teuer sein) und bei den Fahrplänen gewaltig intransparent sind, da nur die teuren Luxusklassen ihre Abfahrtzeiten online veröffentlichen. Anfangs quäle ich mich noch damit, zweitklassige Verbindungen zu finden, häufig ohne Erfolg. Doch gegen Ende meines letztlich 4.800km langen Bustrips in Mexiko weiche ich dann freiwillig auf die Deluxeklassen aus und entspanne mich bei unendlicher Beinfreiheit, WIFI und Steckdosen (und Freigetränken).

Jedenfalls, Palenque: Ein atmosphärischer Ruinenkomplex im Dschungel. Ich übernachte in der Nähe in einer Dschungel-Parallelstadt aus Bungalows.

Hier wohnte ich:

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Die erwarteten Schlangen, Spinnen und Skorpione in meinen Schuhen blieben zu meiner Überraschung aus.

Die präkolumbianischen Ruinen sind wie immer ein wenig plump, dafür gefällt mir der Park mit Pfaden zu Wasserfällen ziemlich gut.

Auch in Palenque verfolge ich die übliche Strategie, erster am Gelände zu sein. Die Atmosphäre ist weit besser, dafür geht mein Vorgehen zu Lasten des Lichts, da häufig Morgennebel herrscht.

Der Palast ist frei begehbar:

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Palenque erstreckt sich über mehrere Ebenen. Das ist die höchste (von einer Pyramide aus photographiert):

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Der Nebel lichtet sich:

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Auch die Nebengeräusche – weiter entfernte Fundamente – gefallen mir hier aufgrund der schönen Lage:

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Das Museum, im günstigen Preis (denn wir sind nicht mehr am teuren Yucatan) enthalten, bietet diesen faszinierenden Sarkophag:

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Es bricht mir fast das Herz, erfahren zu müssen, dass das eigentlich nicht das Original ist (das befindet sich in Mexiko City).

Nach San Cristobal

Die Straße zwischen Palenque und San Cristobal, seines Zeichens ein unpackbar überbewertetes Backpacker-Ghetto, ist berüchtigt für viele Raubüberfälle. Ich teile die 5-stündige Strecke also lieber auf und übernachte in der Nähe einer riesigen Pyramidenstadt, die kaum wer besucht.

Ich kraxle in Tonina stundenlang herum und muss nicht einmal Eintritt bezahlen, da das Papier für die Tickets ausgegangen ist.

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Der hier einst lebende, sehr invasive Stamm hatte den Niedergang Palenques zu verantworten und hätte insofern mehr Aufmerksamkeit verdient.

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Von allen archäologischen Stätten in Mexiko ist mir diese am liebsten.

Und das bereits erwähnte San Cristobal, von dem mir von mehreren Seiten aus geradezu mit glasigen Augen berichtet wurde, entpuppt sich als langweilige, nicht allzu saubere Kolonialgroßstadt mit ungerechtfertigt vielen Touristen, aus der ich mich, hätte ich nicht für 2 Nächte vorgebucht, am liebsten sofort wieder verabschiedet hätte. So schlage ich etwas die Zeit tot.

Ironischerweise schieße ich hier ganz zufällig, während ich in einem Garten die Zeit totschlage, mein bestes Photo in Mexiko.

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Oaxaca

Ein angenehmes kulinarisches Zentrum mit besonders freundlichen Menschen. Unaussprechlich gut, wenn man so will. Die Stadt selbst ist mit schönen Kirchen und vielen Märkten eine Attraktion.

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Um die Ecke liegt Monte Alban – eine weitere archäologische Stätte. Riesig – und leider etwas plump, wie ich finde.

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Jede Stätte hat zumindest einen Ballspielplatz:

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Ein Lichtblick im Braungrau der Anlage:

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Puebla

Puebla ist meine Lieblingsstadt in Südmexiko. Ein großes historisches Zentrum mit hunderten Kolonialgebäuden, gutes Essen an jeder Straßenecke, freundliche Menschen und kaum Touristen.

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In den Suburbs befindet sich Tolula mit der größten menschengemachten Pyramide der Welt, die, seit Jahrhunderten zugewachsen, mittlerweile wie ein grüner Hügel aussieht.

Blick von Oben auf eines der ältesten Klöster Mexikos.

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Blick auf einen der 5000er in der Umgebung.

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Fazit zu Mexikos Süden

Freundliche, zurückhaltende Menschen, gutes und günstiges street food, sauber gehaltene Städte, ein in Lateinamerika in dieser Dichte einmaliges archäologisches Erbe, ein ausgezeichnetes Busnetz (wenn auch teilweise zu gesalzenen Preisen), gut bepreiste Hostels, wenige Touristen abseits der Brennpunkte. Das alles macht Mexiko für mich zu einer Art Indien der Amerikas – natürlich auf höherem Preisniveau, dafür um Dimensionen weniger schmuddelig.

Fortsetzung folgt…

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