Ostkarte #043 – Bolivien, oder: Antworten auf die Fragen des Nudelsuppenphilosophen

Bol_Pan

Lustlos rühre ich seit Monaten in Südamerika herum wie in einer Schüssel lauwarmer Nudeln und denke über die eine existenzielle Frage nach: Warum tue ich mir das überhaupt noch an? Bolivien liefert ein paar überzeugende Antwortalternativen.

So ressourcenreich (Erdgas! Lithium!!!) wie bettelarm, mordsmäßig korrupt und politisch seit Jahren von einem linkspopulistischen Kokabauer despotisch regiert, der sich seine Wählerschaft dumm hält. In der Unfähigkeit, sein riesiges Potenzial irgendwie auszuschöpfen und den vorhandenen Wohlstand halbwegs gleich übers Volk zu verteilen (Bolivien hat einen der höchsten Gini-Koeffizienten der Welt), ist Bolivien das Afrika Südamerikas. Und bietet ein einzigartiges Reichtum an bisweilen außerirdischen Landschaftsformen. Kurz zusammengefasst: Im Osten gibt es den artenreichsten Regenwald – da war ich aus Zeitgründen leider nicht. Der Westen wird vom Altiplano gebildet, einer Hochebene. Und wenn ich Hochebene sage, meine ich: Bergfüsse, die irgendwo zwischen 4.000m und 5.000m ansetzen. Auf dieser Höhe spielt sich alles etwas anders ab als gewohnt.

Vorerst aber mal die hässlichen Aspekte des Landes.

Boliviens Städte sind sogar für südamerikanische Verhältnisse keine Augenweiden

Die Natur überkompensiert quasi für all die urbanen Schandtaten im Land der unverputzten Zweckbauten. La Paz ist so ein Loch in einem engen Tal, wo Rohbauten, die bis in alle Ewigkeit nicht mehr fertiggestellt werden, weil sonst ein höherer Steuersatz greifen würde, sich bis auf 4.000m Höhe ranken. Ja, genau hier erringen die gut akklimatisierten bolivianischen Antikicker ihre sensationellen torlosen Unentschieden gegen die atemlosen Brasilien und Argentinien.

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Hochgelobt günstiges Touristenland, jaja. In La Paz ist es verdammt schwierig, eine adäquate Unterkunft – sprich: günstig, sauber, keine Stormschläge beim Duschen – zu finden. Ein anderes Exemplar ist Potosi, einst eine der größten und aktuell die höchstgelegene Stadt der Welt. Der dominierende Berg im ersten Bild war mit seinem immensen Silberreichtum für den Boom der Bergwerksstadt verantwortlich und auch heute noch wird hier unter widrigen Bedingungen, dafür halt für eine gewichtige Menge Bares, gefördert. Lebenserwartung eines Mineros: 15-20 Jahre nach Aufnahme seiner ungesunden, wenngleich lukrativen Tätigkeit. Danach ist die Lunge komplett durch.

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Aus der Kolonialzeit sind noch ein paar alte Bauten übrig geblieben.

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Aber zumeist gehen sie im Wirrwarr des exponierten Kabelsalats unter.

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Man kommt für eine raue Minenführung hierher. Die seriösen Touragenturen erkennt man daran, dass Zünden und Werfen von Dynamitstangen nicht (mehr) Teil des Programms ist. Mein Aufenthalt in Potosi ist relativ sinnbildlich für dieses obskure Städtchen auf 4.200m über Meereshöhe: Ich komme mit dem Bus an, finde mein Hostel, setze mich hin, fühle mich schwach, lege mich ins Bett. Am nächsten Tag bin ich wieder gesund und fahre direkt nach Sucre zurück.

Es war nicht die Höhe von ca. 4.200m, ich bin diese Altitüden zu dieser Zeit bereits gewöhnt, denn…

Übermut tut selten gut, oder: Wie fühlen sich 6.000 Höhenmeter an?

Bedingt durch gewisse Trekking-Erfolge in Peru bin ich gut akklimatisiert und ein bisschen übermütig (und ein bisschen arrogant). Also melde ich mich glatt für eine Tour zum Huayna Potosi an, einem Berg in der Nähe von La Paz, der für einen 6.000er relativ leicht zu besteigen ist. Jedoch ist absolut betrachtet kein 6.000er leicht zu besteigen.

Die ersten 2 Tage bestärken mich dennoch in der Entscheidung für diese touristisch gut gebuchte (ich bin bei weitem nicht der einzige Trottel in Bolivien) Tour. Während der Anreise zum Basiscamp fahren wir an unglaublichen Lagunen vorbei. Wir, die Touristen, schreien und bekommen dann tatsächlich ein paar Minuten Zeit für Photos.

Wie gesagt: Die Natur überkompensiert.

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Daneben:

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Nochmals, aus etwas größerer Entfernung:

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Huayna Potosi, 6.088m, zeigt sich. Grundtenor im Bus: Schaut ja gar nicht so schlimm aus…

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Ankunft im Basiscamp direkt an einer weiteren geilen Lagune:

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Wir kommen Huayna Potosi näher:

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Nachmittagsprogramm: Steigeisen und Äxte, beides für die Besteigung mehr oder weniger notwendig. Die Eiskletterei ist dann wegen des Spaßfaktors, so steil wird es bei der Besteigung dann nicht werden:

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Meine Wenigkeit macht eine weniger gute Figur (schieben wir es auf den Photographen):

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Am nächsten Tag starten wir erst nach dem Mittagessen. Ich mache einen kurzen Ausflug zu einer anderen Lagune, die aber bei weitem nicht so spektakulär ist wie die vorangegangenen:

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Aufstieg zum High Camp auf 5.100m mit vollgepacktem Rucksack. Auch hier: schöne Panoramen.

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Bolivien ist ein überwiegend von Indigenen bevölktes Land:
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Hochcamp auf 5.100m. Das Programm: Start für die Besteigung ist nach einer kurzen Nacht (wenn man in dieser Höhe überhaupt zum Schlafen kommt) um Mitternacht. Besteigung von 1 Uhr früh bis 6-7 Uhr früh. Dunkelheit, starker Wind, -15°C, wenig Luft. Nachdem ich am Vortag immer mehr den Sinn des Ganzen hinterfragt habe, verkrafte ich den Aufstieg überraschend gut. Das größere Problem ist der Abstieg von insgesamt 1.600m, davon 500 mit vollem Rucksack und am Zahnfleisch über teils vereiste steile Stufen. Der härteste Tag meines Lebens, von dem ich leider aufgrund des damaligen körperlichen und mentalen Zustands keine Photos gemacht habe. Das lastet bis heute auf mir, da die Wetterbedingungen nicht besser hätten sein können (es gab den schönsten Sonnenaufgang, den man sich vorstellen kann).

Weitere geplante Trekkingabenteuer rund um La Paz storniere ich nach Huyana Potosi unverzüglich, weil ich müde bin, und entscheide mich stattdessen für 2 Wochen intensiven Spanischunterrichts in Sucre, einer geschniegelten Kolonialstadt, in der das einzige Photo, das ich schießen werde, das von meinem täglichen Porridge sein wird:

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Tupiza

Die Stadt im Grenzgebiet zu Argentinien ist ein alternativer Startpunkt für Uyuni-Touren. Tupiza selbst ist, oh Wunder, keine Augenweide, die trockene Umgebung dafür durchaus interessant:

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Der Höhepunkt: Uyuni

Im Südwesten Boliviens, irgendwo zwischen 3.000m und 5.200m befindet sich eine unmögliche Ansammlung von Landschaftsformen der wirklich anderen Art: Vulkane, Geysire, mehrfärbige toxische Lagunen, Stein- und Salzwüsten, und aus dem Nichts auftauchende Wirbelwinde, Llamas, Vicunas und Flamingos.

Für den Besucher gibt es unterschiedliche Modi Operandi, die von eintägigen Exkursionen bis zu mehrtägigen individuellen Trips mit dem Jeep reichen. Ich entscheide mich für eine ausgedehntere Tour (4 Tage, 3 Nächte), für die ich aus Qualitätsgründen einen Umweg fahre, um nicht vom eigentlichen Touristenhub, der obskuren Uyuni-Stadt, starten zu müssen. Eine richtige Entscheidung.

Eine Uyuni-Tour ist durchaus eine Herausforderung. Zunächst einmal fürs eigene Sitzfleisch, überwindet man doch in 3,5 Tagen an die 1.000km großteils offroad. Kälte und Höhenlage (man übernachtet auf bis zu 4.600m Höhe) sind weitere Faktoren, die den Ausflug zur Quälerei machen können. Und viele klagen über Verdauungsstörungen in Folge des kontaminierten Wassers in der Gegend (auch ich konnte mich hier nicht gänzlich schadlos halten).

Das ist halt der Preis, den man für die wohl weltweit einzigartige Ansammlung von Landschaften zahlen muss, eine Sehenswürdigkeit, die sich am Ende meiner Reise bestimmt in meinen Welt-Top-5 wiederfinden wird.

Starten wir mal so: Folgend die gewöhnliche Uyuni-Landschaft. Für diese 5.000er wird bei Touren nicht einmal angehalten:

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Im Zuge der Fahrt absolviere ich die Meisterprüfung im Photographieren vom beweglichen Objekt aus. Ein paar Bilder mehr, die bei ca. 60-80 km/h im Offroad-Gelände entstanden sind:

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In der Dali-Wüste liegen schön sauber verteilte Steinbrocken herum:

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Am dritten Tag beobachten wir ein paar Male das folgende Phänomen: Wirbelwinde entstehen wie aus dem Nichts, um sich nach 1-2 Minuten wieder aufzulösen. Vom fahrenden Auto aus gelingt es mir, das festzuhalten. Bemerkenswert dabei: Dieser Tornado wechselte Sekunden, bevor wir daran vorbeigefahren wären, die Straßenseite nach rechts, wo ich einen Fensterplatz belege, und wird erst dadurch für mich photographierbar. Was für ein Timing!

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Es ist wahrscheinlich mein Lieblingsphoto von diesem Ausflug. Ein Blick zurück:

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Zur Abwechslung ein paar Bewohner. Bei der ersten Begegnung sind die Llamas noch exotisch, aber man gewöhnt sich recht rasch an diesen Anblick:

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Vicunas (Llamas, die wie Rehe aussehen), sind weitaus seltener und scheuer:

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Besuch zum Mittagessen. Die Schutzinstinkte dieses Kaninchens wurden durch tägliche Anfütterung irreversibel korrumpiert:

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Hin und wieder schreckt der Hase auf, besinnt sich auf die Natur zurück. Ist aber beim nächsten Stück hingeworfener Gurke oder Karotte wieder zur Stelle. Ich bekomme nicht genug vom dümmlichen Nager…

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Die unzähligen Lagunen dieser Gegend werden von Flamingos bewohnt.

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Besonders stimmig, wenn es sich dabei um die Laguna Colorada handelt, die durch ihre spezifische Mischung aus Mineralien und Algen rotgefärbt ist:

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Mehr von diesem Wunder der Natur:

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In der Früh: Die Laguna ist gefroren, verliert die signifikante Färbung. Dafür ist die Spiegelung perfekt:

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Auch wichtig: die hochgiftige Laguna Verde.

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Ein Ausläufer:

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Eine trockengelegte Lagune als Vorschau auf die eigentliche Salzwüste von Uyuni:

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Wir befinden uns auf hochgradig vulkanischem Gelände. Und je vulkanischer, so sagt man mir, desto bunter die Berge:
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Geysire auf 5.200m Höhe:

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Eine Ruine:

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Ein semiaktiver Vulkan (was auch immer das bedeutet):

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Petrifizierte Kakteen:

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Ein trockengelegtes Korallenfeld:

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Die andere Seite der Dali-Wüste. Hier blüht der berühmte steinerne Baum:

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Die Stopps sind mir zunehmend zu kurz. Als ich dieses Photo aufnehme, werde ich vom Fahrer bereits zurückgehupt. Ich helfe mir, indem ich, wie bereits erwähnt, vom fahrenden Auto aus operiere – oder schlicht überziehe. Da wir viel Zeit für Scheiß wie heiße Quellen und Mittagessen verschwenden, werde ich nicht von Gewissensbissen geplagt.

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Auch wenn wir irgendwie immer zu spät dran sind, dort trödeln, wo mich nichts schert und dort nicht oder nur kurz halten, wo ich Stunden verbringen könnte, schaffen wir es immer gegen 17 Uhr zurück in ein Refugio, was ich dann ein wenig verbittert hinterfrage. Ich wäre gerne noch länger draußen gewesen.

Die Dörfchen, in denen wir übernachten, bieten weitere Höhepunkte bolivianischer Steinmetzkunst:

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Der letzte Tag gestaltet sich wie folgt: Ausflug zur namensgebenden Uyuni-Salzwüste für den Sonnenaufgang inmitten einer Kakteeninsel. Der Sonnenaufgang selbst ist so besonders nicht.

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Die Westseite umso mehr, wo sich für einige Minuten einzigartige Lichtstimmungen ergeben:

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Es wird heller:

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Uyuni bei vollem Licht ist eine große Einöde aus Weiß und Blau. Die Highlights dieser Gegend sind für mich anderswo zu finden, aber bitte…

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Das erste aus Salz gebaute Hotel:

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Jede Gruppe übernachtet einmal in einem solchen Salzhotel.

Ankunft in Uyuni. Ein überraschender Höhepunkt ist der verfallene Eisenbahnfriedhof am Stadtrand:

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Man sollte ein Land nicht nur an dem messen, was man davon gesehen hat, sondern auch daran, was man auslassen musste. Im Fall von Bolivien wären das: ein artenreicher Abschnitt des Amazonas, von dem alle schwärmen. Problem: Schwer erreichbar. Man muss entweder eine nicht ungefährliche 30-stündige Busfahrt auf sich nehmen oder einen Flug buchen, der häufig wetterbedingt verschoben wird. Felder voller versteinerter Dinosaurierspuren. Eine BMX-Fahrt auf der gefährlichsten Straße der Welt, die jeder Tourist hier macht. Wrestling mit mittelalten Indigeno-Bäuerinnen. Zig Trekkingmöglichkeiten rund um La Paz. Ruinierte Jesuitenmissionen im Südosten. Das Machu Picchu Boliviens, das als UFO-Landeplatz vermarktet wird (oder umgekehrt) und mittelalte Energetikerhippies anlockt. Und und und. Ich hoffe auf ein Wiedersehen.

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