Ostkarte #047 – Zentralamerika, oder: Bustransporte aus der Hölle 1 von 3 (Panama, Costa Rica, Nicaragua)

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Zentralamerika. Endliche Weiten. Nach fünf Monaten in Südamerika sehne ich die Kompaktheit dieser Region herbei: 7 Länder, die in Summe die Fläche von Spanien haben. „Das ist nicht einmal halb so groß wie Kolumbien!“, messe ich nach. Ich freue mich auf übersichtlich lange Reisen von A nach B. Blöderweise hat das gar nicht funktioniert.

Eine Übersicht über diese revolutions- und US-interventionsgeplagte Verbindung zweier Kontinente:

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Das ganze Desaster beginnt bereits so, wie es sich fortsetzen sollte: Mit einem unbequemen Transit. Südamerika ist, was Fliegen anbelangt, im Hochpreissegment angesiedelt; günstig geht nur bei Inlandsverbindungen (etwa in Brasilien oder Kolumbien). Mein Transfer von Rio de Janeiro nach Panama City kostet nur EUR 350, der Preis ist fast schon ein Wunder für diese Distanz, beinhaltet aber 8- bis 12-stündige Aufenthalte in Lima und Bogota. Dementsprechend schmuddelig und übernächtigt komme ich dann in Panama City an.

Der Plan ist es, in zwei Monaten bis nach Mexico City zu kommen, denn von dort aus ist eine weitere Odyssee bereits gebucht und akkordiert. Ich lerne nie aus.

Panama

Panama hat mit dem Rest von Zentralamerika nicht so viel gemeinsam, nicht einmal die Zeitzone, und Panama City, das schwüle Banken- und Kanalzentrum, ist komplett eine andere Welt mit riesigen Malls in der Größenordnung derer in Dubai, in denen ich stundenlang den Supermarkt suche – oft erfolglos.

Die moderne Skyline ist eine Mischung aus Miami und ein bisschen Hong Kong.

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Und es gibt eine U-Bahn, die leider nur mit Prepaid-Karte funktioniert, die man nicht überall bekommt. Es gibt Automaten, die sich nach Einwerfen von Geldscheinen aufhängen, anstatt zu liefern. Blöderweise braucht man die Karte für die meisten Busse (die diese Karte nicht verkaufen), um Schranken am Busterminal zu überwinden – oder um dort aufs Klo zu gehen. Oder um vom Flughafen, 40km entfernt, den Bus nehmen zu können (am Flughafen werden die Karten nicht verkauft). Also alles ein wenig mühsamer als man von Städten mit U-Bahnen erwartet. Die Busfahrer winken mich dann einfach durch und ich fahre legitimiert schwarz mit, bis ich irgendwann an eine Karte komme. Wer demnächst nach Panama reist: Ich habe noch etwas Guthaben oben (bitte melden).

Von Panama City bin ich aber insgesamt positiv überrascht. Es gibt sogar eine Altstadt, die etwas an eine schlecht erhaltene Version von Cartagena, Kolumbien, erinnert.

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Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Neben dem Glanz des Finanzzentrums gibt es hier immer noch eine Menge Slums und Banlieus. Relativ steht man aber besser da als zum Beispiel Nicaragua oder Guatemala. Und überhaupt: Die Haupt- und Großstädte in dieser Region – von einigen, wie Tegucigalpa, Honduras oder Belmopan, Belize, habe ich noch nie zuvor gehört – sind allesamt scheußlich und Panama City diesbezüglich eine ganz große Ausnahme.

Mitverantwortlich für den Wohlstand Panamas: Der Kanal. Vor über 100 Jahren gegraben, um die Ecke von der Hauptstadt, erspart einiges an Seemeilen und ist für 8 oder 10 Prozent des Schiffscontainerverkehrs verantwortlich, wie man mir begeistert mitteilt. Und ich? Finde, dass das ziemlich wenig ist. Bei den Schleusen von Miraflores gibt es ein Besucherzentrum komplett mit Museum, Kinosaal, Restaurant und Aussichtsplattformen. Ich bin gegen Mittag dort, also genau in der Zeit ohne Schiffsverkehr, weil ich zu lange gebraucht habe, um den richtigen Bus zu finden. Als irgendwann, ich bin hier mit allem, was man so machen kann, fertig, durchgesagt wird, dass die nächsten Schiffe in einer Stunde ankommen werden, fahre ich wieder zurück, weil ich nicht auf etwas warten möchte, was ich bereits mehrmals auf Video gesehen habe.

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Der Besuch hat sich nicht wirklich ausgezahlt…

Ein großes Thema in Zentralamerika ist für mich, dass ich mich schwer entscheiden kann, wohin ich möchte, weil mich nichts interessiert. Es gibt im Groben immer zwei Möglichkeiten: entweder irgendwo ans Meer in die Karibik oder zum Pazifik oder in den Dschungel. Ich entscheide mich letztlich pragmatisch für ein Gebiet in Grenznähe zu Costa Rica.

Boquete bietet gute Infrastruktur, ein nettes Hochlandklima (ganzjährig nicht zu heiß, nicht zu kalt) und ist diesbezüglich eine Top-Destination für US-Auswanderer. Ich möchte von hier aus ein paar Tagestouren machen. Ich komme per Nachtbus an, im dem ich leider aufgrund der vielen Schlaglöcher der Panamericana und der harten Aufhängung des Busses nicht schlafen konnte, und setze gleich in den Dschungel fort, wo es einen relativ teuren Pfad zu drei Wasserfällen gibt. Und, ja: Es ist nett hier.

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Der Pfad ist matschig, die Steine glitschig. Kein großes Wunder, dass ich auf einen Kanadier treffe, der sich den Knöchel verstaucht hat. Ich helfe ihm den Berg runter, er schreit viel herum, seiner Frau ists irgendwie wurscht, Abendessen ging dann auf ihn.

Die folgenden Tage versuche ich mich zu einer weiteren Tour zu motivieren, scheitere aber vorwiegend an dem sehr netten Hostel, das ich gar nicht verlassen möchte. Irgendwann akzeptiere ich, dass ich hier nicht weiterkomme, und starte den ersten von vielen mühseligen Bustransfers in den Norden.

Costa Rica?

Costa Rica wird auch als Schweiz Zentralamerikas bezeichnet, weil hier Dinge funktionieren. Das Land hat sich längst auf Eco-Tourismus spezialisiert, und seitdem kommen die Amerikaner in Massen, weil Costa Rica nahe liegt und sich gut vermarktet, und treiben die Preise in die Höhe. Darauf habe ich keine Lust. Ich fahre durch nach Nicaragua, muss dabei aber in San Jose übernachten, einer Hauptstadt mit vielen grindigen betrunkenen Amerikanern. Ein enger, unklimatisierter, retrospektiv betrachtet aber doch ganz guter Bus bringt mich in 5 Stunden an die Grenze, zum Chicken Bus-Äquator nach Nicaragua.

Nicaragua (…)

Nach Monaten im Hochpreissegment des europäischen Südamerikas endlich wieder mal ein schön armes günstiges Land. Ich beziehe meinen ersten ausrangierten amerikanischen Schulbus, deren günstiger Import eines der subversiveren Kriegsmittel der Reagan-Regierung im Kampf gegen die Sandinisten war. In Sitzreihen für Fünfjährige eingezwängt, werden die Einheimischen klein gehalten, ähnlich wie bei diesen chinesischen Schuhen.

Ich setze meine Politik der groben Linienführung fort, lasse die berühmte Insel Ometepe mit gleich zwei Vulkanen rechts liegen und lande in Granada nach nur einem Schulbuswechsel. Granada hat ein paar koloniale Gasserln und Plätze und Kirchen und will ein Touristenghetto sein, es fehlen aber blöderweise die Touristen. Abseits des gut erhaltenen, pastellfarbigen Viertels, in dem ich nicht wirklich viel Leben spüre, ist es leider ziemlich verslumt.

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Ich langweile mich hier, nehme daher ehestmöglich einen weiteren Schulbus in den Norden zum großen Konkurrenten Leon. Leon, ähnlich groß und rein von der Baumasse her ähnlich attraktiv, fühlt sich anders an: lebendiger, freundlicher, sympathischer. Es gibt sogar ein sehr gut geschnittenes Museum moderner Kunst mit originalen Werken der berühmtesten Pop-Art-Künstler. Ich kann das so wenig glauben, dass ich sogar nachfrage, ob das wirklich keine Kopien sind. Die zwei Photos sind hier genauso beliebig und aussagefrei wie oben. Bitteschön:

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Von Leon aus lässt sich einiges in Tagestouren unternehmen, vor allem Vulkanboarding, aber ich bin kein Schifahrer. Ich verlasse die Stadt nach nur einer Nacht mit dem Gefühl, dass ich das etwas zu früh gemacht habe.

Für Esteli, Hochgebiet der Sandinistabewegung und ansonsten eine hässliche mittelgroße Stadt im Schachbrettmuster, bin ich auch nur 2-3 Stunden unterwegs, alles halb so wild, aber eigentlich bin ich hierher gereist, weil mir sonst nichts Besseres eingefallen ist. Ich bin gewillt, mir hier etwas „Community-Tourismus“ anzutun, lasse mich beraten, finde aber keinen richtigen Zugriff zum Thema, während man mir vorschwärmt, dass ich bei einer Familie wohnen, dieser bei der Haushaltsführung (Kühe melken, etc.) helfen und mich mit ihr austauschen könnte (Familie: kein Englisch, ich: Spanisch ohne Vergangenheitsformen) für einen Fixbetrag. „Klingt genau wie etwas, was ich nicht machen möchte, habt’s noch was Anderes?“, sage ich der Tourist Agency, die mich daraufhin freundlich ignoriert. Esteli ist ein großes Missverständnis. Am nächsten Tag nehme ich also den ersten Bus in Richtung Grenze, um die Welt des Chicken Bus-Schmerzes so richtig kennenzulernen.

To be continued…

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