Ostkarte #051 – Mexiko (2), oder: Das Spanien der Amerikas

Mexiko_Pan

Mexiko erreiche ich am Zahnfleisch kriechend, werde aber durch regelmäßige Zufuhr von Tacos und präkolumbianischer Qualität wieder aufgepeppelt. In zwei Wochen marschiere ich bis zu den Toren der Megapolis Mexico City. Je weiter weg ich mich von Yucatan, der touristischen Halbinsel, entferne, desto größer ist meine Begeisterung über das Gesehene. Und der Spaß will nicht aufhören. Da von Mexico City mein Flieger in die USA geht, schiebe ich den Besuch der Hauptstadt ans Ende. Es geht vorerst mit einem Schlenker in Richtung Norden.

Taxco

In Taxco sieht es aus wie in Griechenland. Wer in dieser extrem hügeligen Agglomeration eine Hütte aufstellen will, muss sich vor allem ans strikte Farbgebot halten, auch wenn Weiß eigentlich keine Farbe ist.

08

06

07

Die unzähligen Käfertaxis müssen genauso wie alle Minibusse weiß lackiert sein. Nicht genug, spielte es auf der Hinfahrt im Bus tatsächlich Hanekes „Das weiße Band“ (mit Untertiteln). Im pastellbunten Mexiko ist Taxco (= Tasko) damit ein ungewöhnlicher Ort, den ich sehr genieße.

05

01

Na gut, am Ende dann doch ein wenig Pastell..

04

02

03

Die Kosten der US-Paranoia werden auf mich abgewälzt

Doch dann passiert, was häufig in Lateinamerika passiert: Die USA intervenieren und bringen damit meine Reisepläne durcheinander. Zwei Wochen vor meinem längst gebuchten Transferflug durch Florida ändern die USA ihre Immigrationsregeln. Dadurch werde ich pauschal unter Terrorverdacht gestellt. Was ist passiert? Ich war in 2014 im Iran, was mich mit dem neuen Gesetz auf die Shitlist setzt. Und obwohl ich vor 6 Monaten bereits in die USA gereist bin, ohne dass das irgendwen dort gejuckt hat, benötige ich auf einmal kurzfristig ein Visum.

Oder doch nicht? Ich verzweifle in Taxco auf der Suche nach der richtigen Interpretation dieses Gesetzes im Internet, korrespondiere mit allen möglichen Institutionen in allen möglichen Ländern, die mir allesamt, wenn sie überhaupt von sich hören lassen, nur die üblichen Floskeln zusenden.

Dass es gerade der Iran nach dem Fall der Wirtschaftssanktionen auf die Liste der Superschurken schafft, ist vor allem beachtenswert, wenn man sich ansieht, welche Länder NICHT auf dieser Liste gelandet sind: Pakistan, Somalia, Afghanistan, Saudi Arabien, Libanon, Algerien, Libyen, Ägypten und meinetwegen Nigeria. Die hätte ich also alle umstandslos besuchen können.

Jedenfalls habe ich ein Problem.

Es ist Wochenende, die Botschaften haben zu, ich reise also zunächst nach Morelia, ein Schmuckstück an Kolonialstadt, spanischer als die spanischste Stadt.

Das sieht man quasi an jeder Ecke Morelias:

09

Pastell ist längst vorbei, die historische Masse aus Kopfsteinpflaster und dicken Mauern unzähliger Klöster und Kathedralen zeigt sich sandfarben. Aber ich bin viel zu unruhig, um dieses Ambiente würdig genießen zu können.

Ein Visum muss her.

Mexico City

Um es kurz zu halten: In der Megahauptstadt scheitere ich an der US-Bürokratie, ihrer in den 90ern programmierten Website mit Telefonnummern, die ins Nichts führen und einem Terminvereinbarungssystem, das nicht funktioniert. Und ohne Termin darf man nicht in die Botschaft, dafür sorgen viele bewaffnete Mexikaner. Ich buche letztlich meinen Flug um, und das Einzige, was mich vom Gedanken, wie der letzte Dreck behandelt worden zu sein, ein wenig ablenkt, ist das anthropologische Museum auf Weltklasseniveau, ein riesiges zweistöckiges „U“.

17

Im Erdgeschoß werden archäologische Funde nach Region präsentiert, eine Ebene darüber die gleiche Region aus heutiger, folkloristischer Sicht dargestellt. Ich bin von diesem Konzept, das Archäologie mit Ethnologie verbindet, hellauf begeistert. Es geht doch nichts über eine klare Struktur.

Ein paar Bilder:

13

15

19

16

Ein Wiedersehen mit dem Sarkophag von Palenque, diesmal halt mit dem Original inkl. Skelett und Grabbeigaben:

18

Zacatecas

8 Stunden nördlich von Mexico City. Ich komme gegen 6 Uhr früh an. Es ist so frostig und so dunkel, dass ich vermutete die Zeitzone mal wieder falsch eingestellt zu haben. Aber so ist das Wetter im Winter im Hochland von Mexiko. Jedenfalls ist mir so kalt, dass ich freiwillig einen Berg hinaufgehe, obwohl es da auch eine Seilbahn gegeben hätte. Der Mehrwert dieser Unternehmung sind diese Aussichten auf eine der wichtigsten historischen Städte nördlich der Hauptstadt.

20

24

Das hier ist trotz aller Pracht kein touristischer Hotspot, denn dafür liegt Zacatecas einfach zu weit weg von den touristischen Brennpunkten bzw. Mexico City.

22

Nicht nur die Kathedrale könnte genauso in Andalusien stehen.

25

26

31

Die Portale sind so reich geschmückt, dass sie als indische Tempel durchgehen könnten.

30

29

Etwas Jugendstil…

27

28

Guanajuato

Diese Stadt, je 4 Stunden von Zacatecas und Mexico City entfernt, erschließt sich mir nur langsam. Die üblichen paar Kirchen, die üblichen unbedeutenden Museen, die üblichen überbevölkerten Gassen. Den Touristenandrang kann ich nicht nachvollziehen.

Allerdings ist die Universität eine sehr gelungene Mischung aus Alt und Neu.

37

Die ganze Aufregung verstehe ich erst, als ich, wie immer recht widerwillig, zu einem Aussichtspunkt komme. Der Clou ist das Panorama!

38

39

Das oben sind nur kleine Ausschnitte. Das ganze Stadtpanorama erstreckt sich über mehrere Kilometer und lässt sich ohne Spezialausrüstung nicht einfangen.

Ein anderes interessantes Merkmal ist, dass die Stadt auf mehreren Ebenen funktioniert. Der Großteil des Straßenverkehrs wird über stinkende Tunnel und Unterführungen abgewickelt, die über regelmäßige Zugänge mit dem Rummel der Fußgängerpassagen verbunden sind.

Die Stadt, vom Bühneneingang aus:

34

35

33

Hinter den Kulissen:

40

Unten rechts sieht man die Einfahrt in einen der unzähligen Tunnel:

36

Im Tunnel:

32

Sehr interessant!

San Miguel de Allende

Ein zwiespältiges Vergnügen. Im Vorfeld lese ich, dass die Stadt aufgrund seiner gut erhaltenen urig-mexikanischen Fassaden ein Paradies für US-Expats sein soll. Das ist korrekt. Das vertraute Nasal alter Amis hallt hier durch alle Gassen. Die Stadt selbst ist eines der wenigen Freilichtmuseen in Mexiko, überfüllt mit Galerien zugereister Künstler, mit Boutique-Hotels und -Restaurants, die sich auf Kosten der Fressstandln im Zentrum ausbreiten.

Das alles ist halt dennoch, wenn man die Menschen ausblendet, bildhübsch.

41

42

43

44

45

 Noch mehr Bilder.

46

47

49

50

Noch mehr Bilder.

51

52

53

Alles, was danach kam (Queretaro, eine uninteressante historische Stadt, 2 Tage Krankenstand in Mexico City auf Kosten der dritthöchsten Pyramide der Welt, Flug nach Südafrika), war nicht mehr relevant.

Fazit Mexiko

Kulturell mit seinen prä- und postkolonialen Schätzen das interessanteste und abwechslungsreichste Land der Amerikas. Deutlich sauberer und entwickelter als man angesichts der Schreckensmeldungen in den Nachrichten glauben würde. Kein Schnäppchen, aber nicht zuletzt durch die Abwertung des Pesos ein ausgezeichnetes Preis-/Leistungsverhältnis. Mit die höchsten Busstandards Lateinamerikas. Eine sehr angenehme Mentalität der Bevölkerung: (gast-)freundlich, zurückhaltend, überwiegend ehrlich. Abseits der Brennpunkte wenige Touristen für das, was man sehen kann (ich war in keinem Land so häufig der einzige Gast im Schlafsaal). Mexiko landet ziemlich sicher in meinen Top 10.

1.393 Comments Add Yours