Ostkarte #046 – Brasilien, oder: Wo sind die Girls von Ipanema?

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Brasilia, oder: Bürokraten ab in den Dschungel!

Das Leben in Brasilien musste in den 1950ern sorglos gewesen sein, denn auf solche Ideen kommt man nur, wenn einem so richtig fad wird: Man verfügt seit Jahrzehnten mit Rio de Janeiro über einen durchaus reizend gelegenen kosmopoliten Regierungssitz, dessen Schönheit in hunderten Schlagern besungen wird. Und dann entschließt man sich, alles über den Haufen zu werfen und ins Nichts des Hochlanddschungels eine Planstadt, eine utopische Idealstadt, eine neue Hauptstadt hinzustellen. Was für ein Schlag ins Gesicht des dolce vita brasilianischer Regierungsbeamten! Wie mangelhaft musste die Leistung der Bürokraten, wie ablenkungsreich mussten die Reize von Rio de Janeiro gewesen sein, dass man für diese radikale Lösung bereit war: die kompromisslose Verpflanzung des ganzen Apparats in die Isolation des Dschungels, denn da wird man weniger abgelenkt. Nun hieß es also irgendwann in den 1950ern: Rio oder Beamtenpension. Beides kannst du nicht haben. Sag zum Abschied (von den überzogenen Mittagspausen an der Copacabana) leise adeus!

Der Prachtboulevard von Brasilia. Die Stadt ist weitläufig und unerwartet grün:

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Binnen weniger Jahre wurde ein modernistisches, nach Effizienzkriterien strukturiertes Stadtexperiment hingestellt, nach funktionalen Zonen (Bankenviertel, Hotelviertel, Regierungsviertel, Einkaufsviertel, Wohnviertel, etc.) aufgeteilt und durchnummeriert. Anders als bei historisch gewachsenen Städten ist es superlogisch, aber halt auch völlig ungewohnt. Man arbeitet sich von Buchstaben- und Zahlenkombination zu Buchstaben- und Zahlenkombination. Die Adresse meines Hostels lautet SHIGS 706 M47. Alle Busse Richtung W3 Sul fahren dorthin. Noch Fragen?

Die Zukunft in den 1960ern: Alle werden Autos haben. Insofern durchziehen bis zu 12-spurige Autobahnen das Stadtzentrum:

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Jedenfalls will ich mir diese Kopfgeburt unbedingt ansehen und bin bereit, Opfer zu bringen. Zeitlich bin ich relativ eingeschränkt, finanziell aus Prinzip ja auch, also überlege ich mir folgende Lösung: Ich fahre zur Grenze von Uruguay mit Brasilien, nehme von dort einen Bus nach Posadas, einer Stadt, die niemand kennt. Aber sie hat einen Flughafen: Am Flughafen warte ich bis 6 Uhr früh auf einen Flieger nach Porto Alegre. Dort steige ich in einen Flieger nach Sao Paulo um, der mich schließlich nach Brasilia trägt. Also: 3 Flieger, 2 Busse, 1 Nacht im Flughafen. Transferzeit: 26 Stunden. Ökologischer Fußabdruck des besagten Unterfangens? Erheblich.

Nach der Landung nehme ich dann den Bus nach W3 Sul.

Oscar Niemayer, der bedeutendste Architekt Brasiliens, hat sich hier mit Kollegen ausgetobt. Die Repräsentativbauten sind hell, glatt, schnörkellos und wirken aus heutiger Sicht immer noch modern(istisch). Ich habe ja eine große Schwäche für abgelaufene Zukunftsvisionen aus der Vergangenheit.

Das Nationalmuseum als halbierter Saturn:

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Das Monster von Loch Ness als Brücke:

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Das Parlament, zwei Teller und zwei Dominosteine, ist das berühmteste Stück Architektur Brasilias:

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Rechts und links davon gehen weitere Dominosteine weg. Die Gebäude der Ministerien:

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Paläste der Zukunft der 1960er (in diesem Fall der Justizpalast) sind ganz Waschbeton und Brutalismus:

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Bis heute werden modernistische Pläne für (Repräsentativ-)Bauten verwirklicht. Dieses Mausoleum etwa ist ziemlich neu:

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Manchmal wirkt es dann doch wie eine Skulptur, die man gut und gerne auch im Floridsdorfer Hallenbad finden könnte (irgendwo auf der Liegewiese oder als Fontäne im Außenpool). Nichtsdestotrotz finde ich die Stadt, die im Übrigen in der Vogelschau wie ein Flugzeug aussieht (Cockpit ostsüdost), trotz Hitze und langer Gehwege sehr spannend.

Der Stephansdom von Brasilien ist von Außen aus heutiger Sicht ein bisschen lächerlich, erinnert ästhetisch eher an Vorstadtrundhallen, wo am Wochenende Volleyballer vor einem halben Dutzend Hubschraubereltern Schülerliga spielen:

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Die Meinung ändert sich, nachdem man den Dom durch den unterirdischen Eingang betreten hat:

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Irgendwo bei SHIGS 703, also recht nahe bei meinem Hostel, steht dieser Bunker. Es ist die zweitwichtigste Kirche der Hauptstadt von Brasilien und für mich neben dem Machu Picchu das coolste Stück Architektur in Südamerika (Nachsatz: das ich kenne):

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Von Innen:

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Der Fülle an Sehenswürdigkeiten zum Trotz bleibt dennoch ein Problem: Die Stadt befindet sich im Nirgendwo. Sie zu besuchen bedeutet eigentlich immer: einen Umweg auf sich nehmen. Die Touristenzahl hält sich dadurch, obwohl so ziemlich jede Sehenswürdigkeit gratis ist, stark in Grenzen. Die Hotelinfrastruktur ist nicht auf Billigtouristen, sondern auf Diplomaten eingestellt. Dementsprechend schlecht wohne ich. Und in zwei Tagen treffe ich vielleicht 3 Ausländer.

Rückblende von den Wasserfällen (von Iguazu)

Brasilien ist für zwei Dinge berühmt, Strände und Kriminalität. An beidem habe ich kein allzu großes Interesse. Folglich ist Brasilien bei meiner Reiseplanung nie wirklich mehr als ein Transitland auf dem Weg nach Zentralamerika. Das ändert sich, als ich zum ersten Mal (wenn auch nur für eine Nacht) brasilianischen Boden betrete, um mir ein paar Wasserfälle anzusehen. Sauber, freundlich, fair bepreist. Ich beschließe kurzfristig, Platz für etwas mehr von Brasilien zu schaffen.

Besagte Iguazu-Wasserfälle liegen im Länderdreieck mit Argentinien und dem unglückseligen Paraguay, für das es sich um ein paar Kilometer mit den Touristenmilliarden nicht ausgegangen ist. Denn: Mit einer Mischung aus einzigartigen Schauwerten und sehr bequemer Erreichbarkeit ist das hier eine Goldgrube. Und ich lasse mich bereitwillig melken.

Die Wasserfälle lassen sich von der brasilianischen und der argentinischen Seite aus betrachten. Von Brasilien aus hat man eine Panoramaübersicht über den argentinischen Teil. In Argentinien sieht man das Gleiche, nur viel näher und detaillierter. Klar, dass rund um die Wasserfälle riesige Freizeitzentren errichtet wurden. Während der argentinischen Anlage dabei eine gewisse Patina anhaftet (Marke: einmal errichten und dann von den Abschreibungen zehren; die Leit‘ kommen ja eh von selbst), präsentiert sich Brasilien moderner, sympathischer, internationaler, insgesamt bemühter. Argentinien ist teurer, wobei man hier zumindest argumentieren kann, dass man am Gelände länger beschäftigt wird (in Brasilien ist man in 1-2 Stunden fertig, wenn man keine Zusatzangebote bucht).

Die brasilianische Seite hat die besseren Panoramen. Man wandert einen vorgegebenen Pfad entlang an 100en Wasserfällen vorbei, bis man schließlich im Auge des Orkans, dem sogenannten Devil’s Throat, landet, wo die Brise einen in Sekunden durchnässt (Einwegregenschutz am Eingang erhältlich).

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Ich mache beim Timen der Besuche so ziemlich alles falsch. Etwa: Ich übernachte in Paraguay, wechsle dann nach Brasilien, checke ein und mache mich dann auf den Weg. Das kostet unnötig viel Zeit. Ich bin dann mit dem Gros der Besucher und relativ hochstehender Sonne erst gegen 11 Uhr im Park. Kurz darauf wird das Wetter deutlicher schlechter. Die richtige Strategie wäre es, am Vortag auf der jeweils zu besuchenden Seite einzuchecken und erst nach dem Parkbesuch über die Grenze zu wechseln.

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Junge Brasilianerinnen schauen sich Dinge gerne in Kleingruppen von Gleichgesinnten an. Sie schießen gerne viele Selfies in unterschiedlichen Varianten von Gruppengrößen und haben jeweils 1 iPhone, 1 iPad und eine Action Cam, die sie gleichmäßig bespielen. Wenn man noch die Parkphotographen, die tatsächlich mit ausgefahrenem internem Blitz arbeiten, dazunimmt, entstehen bei manchen Aussichtspunkten Warteschlangen von bis zu 15 Minuten.

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Die Sideshow wird von Coatis bespielt: Diese Waschbären schwirren von den Besuchermassen unbeirrt überall herum auf der Suche nach offenen Mülleimern und unbedarften Touristen, die ihnen was zuwerfen.

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Der erwähnte Devil’s Throat, wo die Post abgeht. Mittlere Volkswirtschaften könnten hier ihren Strombedarf decken. Und tatsächlich gibt es um die Ecke das, nach dem 3-Schluchten-Damm, zweitgrößte Wasserkraftwerk der Welt.

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Die argentinische Seite: Der Gesamtübersicht folgt die Detailanalyse. Sie erfordert mehr Beinarbeit. Ich bin wieder mal viel zu spät dran, das Wetter allerdings hält.

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Entlang von Brückensystemen bewegt man sich kilometerweit durch den gezähmten Dschungel.

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Was am Boden wie ein Blätterhaufen aussieht, entpuppt sich als als Schmetterlingherde, die hier von irgendwas angezogen wird.

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Ich muss irgendeinen Botenstoff ausgeströmt haben. Die Schmetterlinge sind jedenfalls verrückt nach mir:

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Die andere Seite vom Devil’s Throat: Man wird per Schmalspurbahn in den tieferen Dschungel geführt, geht dann 1 km auf Metallbrücken bis ins Zentrum des Dynamos. Diesmal nähert man sich von oben an.

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Die Kolonialperlenkette

Im Bundesstaat Minas Gerais, der, für mich praktisch, zwischen Brasilia und Rio de Janeiro liegt, wurde vor Jahrhunderten ziemlich viel Gold abgebaut. So konnte man sich die Errichtung barocker Prachtbauten leisten. Das will ich mir anschauen.

Ouro Preto erreiche ich per Nachtbus von Brasilia und ich bin trotz Schläfrigkeit schlagartig verliebt in diese riesige, in einem grünen Tal über mehrere Hügel verteilte historische Masse:

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Beim Spazieren eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven:

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Für mich ist das die schönste Kolonialstadt Südamerikas mit dem einzigen Hostel in Brasilien, mit dem ich komplett zufrieden war (auch wenn man mich, so wie fast überall in Brasilien, nicht wirklich verstand).

In dieser Gegend nichts Ungewöhnliches: Man sitzt auf der Terrasse – und bekommt Besuch von Kolibris…

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Eine halbe Busstunde von Ouro Preto entfernt: Mariana, eine ähnlich gut erhaltene Kolonialstadt, die halt kleiner und weniger hügelig ist. Ein netter Nebenschauplatz, der durch die unmittelbare Nähe des spektakulären Ouro Preto etwas an Strahlkraft einbüßt. Es ist ja alles immer relativ.

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Etwas weiter südlich erreiche ich nach einer umständlichen Busverbindung Sao Joao del Rei, wo ich in einem Motel für Fernfahrer in der Peripherie der Peripherie unterkomme und mich frage, wie ich diesen Scheiß buchen konnte. Immerhin, am nächsten Tag sieht es nicht mehr so schlimm aus, nachdem ich herausfinde, wo der Bus ins Zentrum hält.

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Die Interieurs sind ziemlich holzlastig…
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Sao Joao del Rei ist weit davon entfernt, ein Freilichtmuseum zu sein. Klassizismus wechselt sich hier mit Barock und Neubauten ab. Der Tourismus hält sich allgemein in Grenzen. Mir gefällt das ziemlich gut.

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ABER: An Wochenenden wird Sao Joao von Touristen überrannt, die ins benachbarte Dorf Tiradentes eilen, DAS Freilichmuseum in dieser Gegend.

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Hier ist jedes Gebäude historisch. Die Zielgruppe sind eher Honeymooners (weniger Leute wie ich), dementsprechend hoch fällt auch die Dichte an Boutiquen und Regio-Merchandising aus. Eine solche Ausrichtung kann sehr schnell sehr übel werden (siehe: so ziemlich jedes alte Dorf in China), wenn irgendwann Neonlichter Besitz von historischen Fassaden und Auslagen ergreifen und Gastarbeiter traditionell verkleidet für Photos posieren. In Tiradentes gelingt die Balance jedoch ziemlich gut. Man wahrt die Einheit und die Eingriffe sind in den Haupteinkaufsstraßen nur dezent.

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So sieht es hier überall aus: Kopfsteinpflaster, weiße, zumeist nur 1-stöckige Häuschen mit einfärbigem Kontrast, aufgrund schlechten Wetters verlassene Gasserln. Irgendwie ein Widerspruch zu dem, was ich oben (von wegen Touristenansturm) geschrieben habe, aber es ist halt nicht immer alles logisch in der dritten Welt.

Rio fällt komplett ins Wasser

Rio hat zwar Strände und Kriminalität, gilt aber dennoch als so ziemlich schönste Großstadt Südamerikas, und ich gönne mir 5 Tage, 4 Nächte für die Exploration. Der Zeitpunkt ist fast ideal gewählt: Die Regenzeit bereits vorbei, die Hauptsaison noch nicht in vollen Zügen ausgebrochen. Meine größte Sorge im Vorhinein: Die Hitze, die im Dezember bis auf 40+°C ansteigen kann. Blöderweise erwische ich ein Schlechtwetterloch. Am Tag vor meiner Ankunft und am Tag nach meinem Abflug scheint zwar die Sonne, dazwischen jedoch hängt ein tiefer Nebelschleier über Rio und versperrt die Sicht auf die größten Sehenswürdigkeiten der Stadt, nämlich die jeweiligen Panoramas vom Zuckerhut in Richtung Jesusstatue – und umgekehrt.

Der Zuckerhut, nicht weit von meinem wieder mal nicht so tollen Hostel entfernt:

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Nicht, dass mich die Strände sonderlich interessiert hätten. Aber sie sind leergefegt. Die Stadt und die Menschen, als lebensfroh und partylustig bekannt, sind spürbar deprimiert. Da es zumeist eh regnet, verbringe ich die Zeit überwiegend in meinem nicht ganz so tollen, dafür zumindest perfekt gelegenen Hostel, was mir bei diesem Wetter allerdings wenig bringt, und ernähre mich von billigen Hot Dogs von um die Ecke.

Das ist die weltberühmte Copacabana:

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Von den Girls von Ipanema keine Spur…

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Die Altstadt bietet zwar ein paar Kirchen und klassizistische Bauten, ist aber insgesamt ein einziger röhrender schmutziger Verkehrsstau voller Baustellen für die olympischen Spiele im nächsten Jahr.

Die Kathedrale von Rio ist wie die von Brasilia ein Bunker aus den 1960ern. Sie wirkt von Außen wie eine Mischung aus Turnhalle und Flakturm. Innen gefallen die riesigen Vitrinen.

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Das Positive an meinem Rio-Trip: Ich konnte zwar nichts sehen, es war mir dabei aber angenehm kühl.

Das Positive an meinem Brasilien-Trip: So ziemlich alles außer Rio.

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