Ostkarte #044 – Chile, oder: Der Fluch des DIN A4

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Über 4.000km lang und im Schnitt nur 200km breit: Chile ist der Albtraum eines jeden Kartographen. Wie man das Land standesgemäß darstellen können soll, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Als metertiefe Wurst aus dem Nadeldrucker etwa? Als Aufschnitt, indem man die Wurst den Breitengraden nach aufteilt und dann quasi nebeneinander reiht, was geographisch nicht zusammengehört? Beides nicht wirklich praktikabel für die Navigation. Ein hässlicher Kompromiss hat sich von daher eingelebt, nämlich, dass die Landkarte von Chile überwiegend die Landkarte der Argentinischen Pampa und eines Teils des Pazifiks ist. Der Fluch des DIN A4.

Ich frage mich, welche Folgen eine solche Darstellung für das Selbstwertgefühl der Staatsbürger hat. Lässt sich dadurch nachvollziehen, wieso alle Chilenos eine gewisse Zurückhaltung pflegen, wenn es darum geht, die vielen Vorzüge ihres Landes anzupreisen? Warum Gespräche häufig die Richtung des „ja, aber…“ einschlagen? Dass man lieber über die Grenze zum großen Nachbar lugt, dem sich maßlos überschätzenden stolzen Argentinien, das seit Jahren vor sich hin sandelt? Oder in die „alte Welt“, nach Europa, weil man, vielen bleibenden Problemen zum Trotz (wie immer: die Distribution des Wohlstands), in Lateinamerika keine Vergleichsgröße mehr hat, hier längst den Benchmark bildet? Und macht gerade dieses Understatement Chile und die Chilenen für mich so sympathisch? Oder liegt es eher daran, dass ich seit meiner letzten Asienreise chilenische Freunde habe, von denen ich mich eine Woche lang in Santiago wie ein Gigolo aushalten ließ? So ganz unparteiisch kann man da nicht sein.

Ganz parteiisch also: Chile ist eine Wunderwelt an mal mehr, mal weniger weltbekannten Landschaftsformen (Atacama, Patagonien, Seenviertel, Weinregionen) und unzähligen Nationalparks und Gebieten, die noch nicht entdeckt wurden, in wohl jedem anderen Land aber bereits ein Top-Highlight darstellen würden. Wo Bolivien mit außerirdischen Landschaften auftrumpft, bleibt Chile bodenständiger: Mal wirkt es wie eine Mischung aus Norwegen und Kanada, woanders zeigt es sich fast mediterran, dann wiederum bajuwaro-mitteleuropäisch – wenn da nicht die unzähligen Vulkane wären, die den Landschaften ihren einzigartigen Stempel aufdrücken. Das alles kann man in einem zivilisierten, gastfreundlichen Land mit ausgezeichneter Infrastruktur (Ausnahme: das schwer zugängliche Patagonien) genießen, das sicherlich nicht zu den günstigsten gehört, aber allgemein ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis bietet (die Buspreise etwa sind bei ähnlicher Qualität nur die Hälfte derer Argentiniens; und Transportkosten sind bei Ländern dieser Größe bzw. Länge essenziell). Chile, für mich das schönste Land Südamerikas, ist meiner Ansicht nach sträflich unterbewertet.

In 4 Wochen, zusammen mit einer Freundin aus Singapur, die unbedingt mit nach Patagonien wollte, schnuppere ich in die meisten interessanten Regionen rein: Transit durch die Atacama, Trekking in Patagonien, ein Ausflug aufs Feuerland, die Seenregion, die Insel Chiloe, schließlich Santiago. Was ich vorgehabt, aber aus zeitlichen und gesundheitlichen Gründen auslassen musste, reicht für 2-3 Monate weiterer Reisetätigkeit.

Aber fangen wir mal mit einem lauten Knall an:

Torres del Paine, oder: Das mundgerecht angerichtete Patagonien

Patagonien, das ist der südlichste Kilometertausender, vielleicht etwas mehr, von Südamerika. Ein riesiges, wildes, unerschlossenes bis maximal dünn besiedeltes Gebiet, das sich Chile und Argentinien teilen. Dahinter ist nur mehr das Feuerland, eine brache Inselwelt. Dahinter? Antarktika. Die argentinische Seite Patagoniens ist dabei, mit Ausnahmen, eine riesige Einöde, die nicht umsonst so negativ konnotierte Pampa. Chile hingegen bekam die volle Packung Natur ab: Bergkämme, Vulkane, Gletscher, Wälder, Fjorde, Seen. Da genügt ein Blick auf eine Reliefkarte, um zu erahnen, dass da schauwertmäßig sehr viel los sein dürfte. Wunderschön, unentdeckt, leider auch eher umständlich zu erreichen und folgerichtig touristisch nicht wirklich ausbeutbar ist dieses vollkommen zerrupfte Patagonien für Chile. Wohingegen die argentinische Pampa fruchtbar genug ist für Viehzucht, was die Chilenos natürlich auch monieren, denn große Teile der Pampa gehörten einst Chile, bis sie sich Argentinien schamlos unter den Nagel gerissen hat – zur gleichen Zeit, als Chile im Norden damit beschäftigt war, einen Landstrich mit Gewalt einzunehmen. Und seitdem ist Bolivien ein Binnenland.

Hundert Jahre später wird Bolivien in Den Haag seine Ansprüche auf direkten Meereszugang völkerrechtlich durchbringen, Chile das geflissentlich ignorieren und ich ins einzige Eutzerl des chilenischen Patagoniens reisen, das – Untertreibung des Milleniums – touristisch gut erschlossen ist und wo ich nicht der einzige sein werde, der sich das ansehen will. Ich spreche natürlich vom Nationalpark Torres del Paine, der eigentlich wirklich in der Einöde der Einöde liegt, aber dermaßen anmassend schön ist, dass sich hier eine Enklave des Trekkingtourismus einfach bilden musste, was es dann ja auch tat. Es ist ein Kondensat nordischer Naturformen, Höhepunkt des gemäßigten Trekkings und ein Höhepunkt einer jeden Südamerikareise.

Gleich vorneweg, zur Auflockerung, bevor ich weitertexte, ein Bild, das man beim Betreten des Nationalparks zu sehen bekommt. Der Clou dabei: Es wird nicht das beste Panorama bleiben.

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Die namensgebenden Torres del Paine sieht man auf den Photos in der Mitte. Für den Moneyshot dieser Granittürme muss man aber noch eine Weile gehen, dann sehr früh aufstehen und Glück mit dem Wetter haben. Mehr dazu unten.

Für Patagonien habe ich mir im Vorfeld sehr viel vorgenommen. Ausrüstung neu gekauft: Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, neuer Rucksack, um das Equipment zu tragen. Neu gekaufte Ausrüstung monatelang mehr oder weniger nutzlos durch Südamerika geschleppt. Das Unterfangen beginnt dann leider ein wenig enttäuschend: Die Standardroute im Nationalpark funktioniert stark vereinfacht so: Es gibt drei nebeneinander liegende Täler, in die man nacheinander rein- und wieder rausgeht. Campingplätze gibt es in praktischen Entfernungen voneinander. Diese Route mit ihren drei Schenkeln ergibt grob gezeichnet ein „W“ und lässt sich in 4-5 Tagen absolvieren. Zusätzlich kann man beim letzten Schenkel, anstatt zurückzukehren, weitergehen und das Massiv so in 3-4 zusätzlichen Tagen von Hinten umrunden – das ist das „O“. Dieser zusätzliche Abschnitt ist wilder, weit weniger touristisch, im Winter aufgrund von Schneefall gesperrt, angeblich aber zumindest genauso schön wie das pure „W“.

Ich will das „O“ laufen, wenn es geöffnet ist. In Puerto Natales, dem Touristenhub für den Nationalpark, erhalte ich die Auskunft, dass es begehbar ist. Hocherfreut kaufe ich Essen für 10 Tage ein. Danach: Zusammenpacken, früh aufstehen, 3 Stunden im Bus in den Nationalpark fahren – und mitbekommen, dass die Auskunft im Hostel falsch war: Das „O“ ist zugeschneit, es steht nur der kürzere Standardtrek zur Verfügung. 4-5 Tage gehen mit 10 Tagesrationen Essen im Gepäck. Die erste Aufgabe sollte also sein, das überflüssige Essen – Suppen, Nudeln, Süssigkeiten, Trockenobst – systematisch aufzubrauchen. In Folge dessen sollte ich der erste Mensch werden, der für mehrere Tage in die Berge geht, täglich 6-10 Stunden mit 15-20kg marschiert – und mit Übergewicht zurückkommt. Aber zumindest nicht unfit.

Der erste Schenkel des „W“: Torres del Paine

7 Kilometer bis zur Canyon, dann behutsamer Aufstieg. Was auffällt: Es ist nicht das Patagonien, das ich erwartet habe. Hier wurde die wilde Natur gezähmt. Landschaftsplanung, Nobelhotels, ein Hubschrauber, der Müll abtransportiert, Pferdereiten und Nagetiere und andere Schädlinge, die längst ihre Scheu vom Menschen abgelegt haben. Nicht einmal die Vicunas, denen das amokartige Auseinanderpferchen eigentlich im Blut liegen sollte, so meine Erfahrung aus Bolivien, scheren sich einen Dreck um mich. Es gibt erstaunlich viele Tagestouristen hier, die mit Jeans und Sportschuhen die erstaunlich anspruchslosen Treks rauf- und runtergehen, bei den modernen Labestationen halten und dort überteuert essen und trinken. Das hier ist ein verdammter Freizeitpark.

Der Aufstieg zum ersten Camping ist eigentlich ziemlich öde. Viele Campingplätze sind gratis, dennoch mit sauberen Toiletten und einem Shelter zum Kochen ausgestattet. Sauberes Trinkwasser ist niemals ein Problem. Der nächste Tag: Frühes Aufstehen und Aufstieg zu den Torres del Paine zwecks Sonnenaufgang. Die Bedingungen sind optimal, so auch die Aussicht auf die Türme und die enge Lagune. Und das Naturschauspiel kann beginnen:

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Dieses Photo wollen alle machen. Das Zeitfenster beträgt vielleicht 10 Minuten. Danach geht die Sonne stärker auf, die Farben verändern sich und der Wind zerstäubt die Spiegelung.

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Später: Immer noch gut, aber…

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Zurück zum Hochcamp, Zelt abbauen, Abstieg vom ersten Schenkel beginnen und die Aussicht auf die Lagunen des Nationalparks genießen.

Drei Seen übereinander:

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Bergpanorama:

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Die Rucksäcke sind noch ziemlich voll, die Beine an die Anstrengung noch nicht gewöhnt, der Körper durch das frühe Aufstehen für den Sonnenaufgang etwas ramponiert. Der Abstieg und der Weitermarsch zum nächsten Camping, ein schöner Wanderweg entlang einer langgezogenen Lagune, zieht sich gewaltig.

Der Campingplatz ist dann zwar nicht gratis, aber mit warmen Duschen und gemütlichem Kochplatz ausgestattet. Für so hohe Standards zahle ich gerne.

Der nächste Tag: Weitermarsch zum zweiten Schenkel des „W“, womöglich der schönste Abschnitt des gesamten Treks (mit Ausnahme des Sonnenaufgangs von oben). Die Panoramen sind unvergesslich:

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Der zweite Schenkel des „W“: Valle Frances

Nach vier Stunden ist das Base Camp (gratis) erreicht. Zelt aufschlagen, Mittagessen kochen (das Essen verbraucht sich nicht von selbst). Danach alle Sachen im Camp lassen und 900m entlang des zweiten Tals aufsteigen. Ohne Last ein Kinderspiel. Das Wetter, die ersten 1,5 Tage perfekt, dreht ins Wechselhafte.

Den großen Höhepunkt sucht man im French Valley vergebens, aber die Summe der einzelnen Teile macht es dann doch, schlechterem Wetter zum Trotz, interessant und abwechslungsreich.

Man steigt entlang eines stürmischen Bachs auf. Wasserfälle gibt es zur Genüge:

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So eine Art Torres del Paine für Franzosen:

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Vor 6 Jahren sind erhebliche Teile des Nationalparks verbrannt. Das bezeugen die vielen Baumstümpfe:

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Abstiegspanorama:

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Auf der anderen Seite vom Tal krachen alle 10-15 Minuten Lawinen herunter. Ansonsten: Wasserfälle.

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Der dritte Schenkel des „W“: Zum Grey Gletscher

Am letzten Tag dreht das Wetter komplett. Es ist kalt, bewölkt und windig. Nach 3 Stunden des Laufens gibt es die Möglichkeit, zurück nach Puerto Natales zu kommen (mit einer Kombi aus Boot und Bus). Aufgrund des Wetters, das nicht wirklich viele Schauwerte verspricht, neige ich zu diesem Ausstiegsszenario. Aber ich trekke nicht alleine und werde overrult. Damit muss ich 2x 11 eher mühsame Kilometer bis zu einem Gletscher gehen, was mich nicht sonderlich freut. Dieser Abschnitt wurde vom Feuer am stärksten betroffen. Die Landschaft ist teilweise ziemlich tot:

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Weitere Eindrücke:

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Der Gletscher Grey: Hier könnte man theoretisch Richtung „O“ gehen. Es ist nicht mein erster Gletscher, insofern hält sich die Begeisterung in Grenzen. Gletscher landen auf meiner Liste überbewerteter Dinge (Elenfanten, Märkte, Bootsausflüge, Pinguine; aber zu den Pinguinen eigentlich etwas später…). Man sieht hier auch: Damit Torres del Paine funktioniert braucht es ordentliches Wetter:

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Das letzte Camp ist wieder zu bezahlen. Am nächsten Tag erreichen wir um 11 Uhr die Anlegestelle fürs Boot zum Bus.

So sieht übrigens ein zu bezahlendes Camp aus:

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Blick zurück:

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Der Bus benötigt drei Stunden in die Touristenstadt zurück. Ich wäre gerne ein paar Tage länger geblieben, auch wnen ich die frisch Ankommenden keinesfalls beneide (das Wetter ist dafür viel zu hundig). Torres del Paine bleibt vorerst unvollendet. Ich habe mir vorgenommen, irgendwann zurückzukommen und die Runde standesgemäß abzuschließen.

Feuerland, oder: Warten auf den Flug in der freundlichen Einöde

Wir entschließen uns fürs Warten auf einen Flieger in den Norden. Das Vorhaben, auch das restliche Patagonien zu besuchen, habe ich in der Zwischenzeit aufgegeben: Es ist mir zu mühsam, mich per Daumen, unregelmäßigen Bussen und Fähren irgendwie durchzuschlagen und auf die Gnade des Wettergottes angewiesen zu sein. Also drüberfliegen. Die Alternative wäre gewesen: 33 Stunden im Bus, dessen Route überwiegend durch Argentinien führen würde. So kompliziert und unerschlossen ist die Wasser- und Bergwelt des chilenischen Patagoniens, dass man parallel dazu durch die Pampa des Nachbarlandes fahren muss. Punta Arenas, drei Stunden südlich von Puerto Natales, dem Touristenhub von oben (ja, die Ortsnamen in Chile klingen alle irgendwie ähnlich) ist wohl die südlichste richtige Stadt Festlandsüdamerikas. Für Touristen ist es ein klassischer Transitort, allerdings einer mit durchaus rauem Charme und besonders freundlichen Einwohnern.

Im Hintergrund: Die Magellanstraße.

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Von der Fähre aus betrachtet:

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Autos halten hier sofort, wenn du nur den Anschein machst, dass du evtl. die Straßenseite wechseln möchtest. Wer länger bleibt, kann sich die Tage mit Touren zu Pinguinen vertreiben, diesen durch Cartoons populär gewordenen Vögeln, die ich für eklatant überschätzt halte. Ein Ganztagesausflug führt uns ins Feuerland, dem durch die Magellanstraße vom Festland abgetrennten südlichsten Teil Südamerikas. Eine mühsame und langwierige Unternehmung mit niedrigen Temperaturen und starkem Wind und wenig Outcome, nämlich 15 Minuten in 20m Entfernung eine kleine Kolonie von Königspinguinen beobachten. Könnte ich es nochmals entscheiden, ich hätte es nicht gemacht.

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Feuerland klingt ja sehr romantisch. Allerdings ist es im Allgemeinen eine furchtbare Einöde mit braunem Gras, das nicht viel mehr als Schafwirtschaft ermöglicht. Es stehen noch weitere Punkte auf dem Tagesprogramm. Die werden aber kurzfristig aufgrund eines Wetterumsturzes abgeblasen. Wir rasen zur Magellanstraße…

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…und erwischen noch die letzte mögliche Fähre zum Festland, bevor die Strömung zu stark wird.

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Gut für diejenigen Touristen, die noch am gleichen Tag einen Flieger erwischen wollten. Mehrere Reisebusse, von Ushuaia, der argentinischen Stadt im Feuerland, kommend, können nicht mehr mitgeführt werden. Die Passagiere müssen ungeplant im Bus übernachten.

Chiloe, oder: Das Irland Lateinamerikas

Nur 2 km Meerenge trennen die größte Insel Chiles vom Festland. Sie verläuft parallel zum nördlichsten Teil Nordpatagoniens und wird im Allgemeinen aufgrund der Topographie (sanfte, grüne Hügel) und des feuchten Wetters als Irland Südamerikas bezeichnet. Das bedeutet also, dass wir sehr großes Glück hatten, denn wir hatten durchgehend strahlend blauen Himmel.

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Ein Freund hat mir berichtet, dass Chiloe der Ursprungsort einer seltenen, sagenumwobenen psychedelischen Pflanze ist (Ganz im Ernst: das lässt sich hier nachlesen). Dieses gelbe Kraut dürfte es wohl nicht sein, es blüht bei meinem Besuch quasi überall:

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Die Insel verfügt über ein sensationell gut funktionierendes günstiges Netz aus Bussen und Fähren. Das begünstigt Tagesausflüge. Gut, denn das leidige Vagabundieren von Ort zu Ort samt Entourage geht mir zu diesem Zeitpunkt bereits etwas auf die Nerven. Drei Tage ohne Bettenwechsel tun gut. In Ancud, dem nördlichen Hub von Chiloe, werden wir von einem älteren Ehepaar, das sich hervorragend ergänzt (er repariert, sie redet die ganze Zeit), umsorgt – bis hin zum fast schon panischen Nachlaufen in Bademänteln eines Morgens, als wir zur Busstation aufbrechen. Denn wir hätten ja noch gar nicht gefrühstückt! Fazit: Für meinen Geschmack etwas zu viel Liebe.

Ancud selbst gilt jetzt nicht gerade als Perle, was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Es ist grün hier, es wimmelt nur so vor netten, bunten Einfamilienhäuschen, von denen ich nicht genug bekomme…

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Aber vielleicht ist das nur mein Fetisch.

Umherstreunende Hunde schließen sich spontan unserem Spazierganz an und bringen die gesamte eingesperrte Hundenachbarschaft in hörbaren Ausnahmezustand. Fußgänger sind leicht irritiert. „Das ist nicht mein Hund!“, gebe ich ihnen in gebrochenem Spanisch zu verstehen (hoffentlich).

Zuletzt ein Blick von meinem Zimmerfenster aus, weil ich den so nett fand:

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Nicht zu vergessen: Zu Mittag (sicherlich auch gegen Abend, wenn man sich traut) kann man für ein paar Euro kiloweise Meeresfauna in sich schaufeln. Dieser Berg an Schalentieren und Wurst namens „Kuranto“ ist dabei der Klassiker schlechthin. Aufgegessen wird nicht! Auch ich habe nur endliche Kapazitäten.Food

Eine weitere Parallele zu Irland: Der Katholizismus. Über die Insel und ihre Trabanten sind hunderte Holzkirchen mit eigenem architektonischem Charakter verstreut.

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Die bei weitem coolste davon findet man in Castro, dem regionalen Zentrum des Archipels:

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Das Innenleben der Kathedrale beeindruckt  – hell, warm, freundlich, komplett aus glattpoliertem Holz.

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Ebenfalls in Castro: Palafitos, bunte Stelzenhäuschen. Bei Ebbe und in Trockenzeit weniger aufreizend als erhofft.

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Spontanbesuch einer Nebeninsel, von der aus man, Wetter sei gedankt, einen der unzähligen Nationalparks Nordpatagoniens sehen kann. Der hätte mich, mehr Zeit vorausgesetzt, durchaus auch gereizt. Aber es bleibt ja nicht einmal genug, um Chiloe ausführlich zu erkunden. Ich tröste mich darüber hinweg, dass ich ja nur „hineinschnuppern“ wollte, auch wenn das meilenweit gegen den Wind nach Rationalisierung riecht.

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Auf einer anderen Insel nisten Humboldt- und Magellanpinguine. Diese Durchmischung ist durch das Zusammentreffen zweier Strömungen (wer hätte das vermutet: Humboldt- und Magellanstrom) bedingt, was weltweit einzigartig ist (ich musste jetzt ehrlich gesagt nicht nach Luft jaspen, als ich davon erfuhr, reiche die Information aber trotzdem weiter). Im Gegensatz zu den mühsamen Königspinguinen im Feuerland ist der Unterhaltungswert hier weitaus höher (und günstiger (und weniger zeitraubend)). Man beobachtet die Vögel von einem kleinen Boot aus, das die Miniinsel von zig Seiten aus anfährt. Dazu gibt es Informationsbrocken vom Kapitän (der Anteil an anthropomorphen Witzchen ist dabei gar nicht so gering, das meiste verstehe ich aber eh nicht; chilenisches Spanisch ist halt ein eigenes Thema).

Jour fixe:

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Die schwarzen sind Magellanpinguine (in der absoluten Überzahl), die braunen sind die anderen (hier im Bild rechts, wenn ich mich nicht täusche):

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Ein Felsen, der wie ein (Teddy-)Bärenkopf aussieht. Ganz ohne Ironie: Eine beeindruckende Ähnlichkeit!

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So sieht die Umgebung des Pinguinariums aus: Meine chilenischen Freunde lachen mich aus, als ich einen Vergleich zu Thailand ziehe. Ja? Dann probier mal ins Wasser zu gehen, haben sie gesagt (Chiles Küstengewässer sind strömungsbedingt eiskalt (natürlich ging ich nicht ins Wasser)).

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Puerto Varas, oder: Wo es noch nicht so furchtbar ist (wie in Pucon)

Ein Grundprinzip individuellen Reisens lautet: Traue keinen Einheimischen, sie haben keine Ahnung und setzen andere Prioritäten. Ein Beispiel: Die womöglich am schönsten gelegene Stadt im Seengebiet Chiles, dort, wo Patagonien aufhört und die Zivilisation wieder ansetzt, wird mir von meinen Freunden wie folgt angekündigt: Wenn du schon ins Seengebiet fahren musst (wir würden es dir nicht empfehlen), dann bleib zumindest in Puerto Varas. Da ist es noch nicht so schlimm. Die Stadt liegt direkt am Ufer mit sensationellem Ausblick auf mehrere Vulkane. Dass Puerto Varas von deutschen Einwanderern gegründet wurde, ist an jeder Straßenecke deutlich ablesbar: es gibt „Vereinshäuser“, es wird „Kuchen“ (bzw, Lonely Planet: „Küchen“) serviert, und im Nachbardorf Frutillar, berühmt für seine Kekse, sind angeblich alle blond.

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Das dürfte der Vulkan Osorno sein.

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Dass Puerto Varas von deutschen Einwanderern gegründet wurde, ist an jeder Straßenecke deutlich erkennbar. Architektonisch fühlt man sich in Bayern.

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Was nun hier so schlimm sein sollte? Ich weiß es nicht. Womöglich war die Warnung darin begründet, dass der Ort in der chilenischen Hauptreisezeit von Massentourismus der unangenehmeren Sorte profitiert?

Pucon, oder: Wo es wirklich schlimm ist sein soll

Das Mekka des Funsports ist auch nur so eine Zwischenstation. Wer in der Nebensaison anreist (ich), findet ein ruhiges Dörfchen vor. In der Hauptstoßzeit kommt das Partyvolk, um Dinge wie Rafting, Canyoning, Paragliding, Wasserschi und vieles mehr zu unternehmen, sagt man mir. Danach viel Apres Ski? Durchwegs nicht unwahrscheinlich! Die Umgebung ist mit szenischen Wanderrouten samt Wasserfällen und den (in Chile) omnipräsenten Vulkanen gespickt. Ich habe hier viel vor – begebe mich aber letzten Endes für ein paar Tage in die Horizontale, da mir die Energie für mehr als die täglichen Einkäufe fehlt. So bleibt von Pucon nur der Blick auf den aktiven Vulkan Villarrica auf dem Weg zum Supermarkt (das Gebäude im Bild).

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Von Pucon nehme ich den Nachtbus nach Valparaiso, dem Epizentrum chilenischer Bohème.

Valparaiso, oder: Die Ironie des Kaltgelassenseins

Alle, sogar meine chilenischen Freunde, schwärmen von Valparaiso, dem Hafen in der Nähe von Santiago, einem Kunst- und Alternativzentrum auf mehreren Hügeln, bunten Häuschen und Graffitis. Ich komme an, drehe eine Runde, finde es schmuddelig, verstehe nicht, was die Aufregung soll und lege mich gegen Mittag demotiviert auf die Hostel-Couch. Ich bin mit meiner Meinung in der absoluten Minderheit, es lag also an mir.

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Santiago, Cartagena, oder: Besuch bei Freunden und anderes Meeresgetier

Wir trafen uns im Iran, wir reisten ein paar Tage gemeinsam durch Myanmar, sie kehrten im November aus Asien zurück nach Santiago de Chile – und 10 Tage später stand ich bereits vor ihrer Haustür, um ihre Kühlschränke leerzufressen, die Weinkeller zu penetrieren, mich vor ihren Freunden und Eltern zu blamieren und dem Nationalteam Unglück zu bringen (1 von 6 möglichen Punkten; davor gab es drei Auftaktsiege). Santiago selbst ist jetzt nicht die spannendste Großstadt aller Zeiten, ein eher praktischer denn sinnlicher Ort, bei Weitem kein Buenos Aires (dabei hat es in Buenos Aires immer geregnet).

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Immerhin steht das höchste Gebäude Südamerikas hier (im Hintergrund: Ausläufer der Anden):

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Ich genieße die regelmäßigen Mahlzeiten im Beisein von Familien (das wird hier so gepflegt). Die Asados (Grillereien) sind weit besser als in Argentinien, betone ich bei jeder Gelegenheit. Ich versuche, das nationale Ego der Chilenen zu pushen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Der Erfolg ist marginal. Man nimmt mich hier nicht ernst.

Sie nehmen mich zur Hafenstadt Cartagena mit. Nie gehört. Es handelt sich um einen überraschend ansehnlichen Küstenort.

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An der Steilküste hausen Pelikane, Möwen und Seelöwen:

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Am nächsten Tag zum Fisch- und Meerestiermarkt. Es gilt, grausige Dinge einzukaufen und an mir zu verproben. Seelöwen und Pelikane warten hier in Rudeln darauf, dass ihnen wer einen Fischkopf zukommen lässt:

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Für die Chilenen sind das womöglich die Ratten und Tauben der Pazifikküste. Ich dagegen bin endlos fasziniert von diesen großen exotischen Tieren.

Diese Pelikane versuchen die umzäunten Fischhütten von oben zu knacken:

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Dann wird es spannend…

Ceviche: Gehackter roher Fisch + rohe Shrimps auf Zwiebeln. Denaturiert mit Litern an Zitronensaft. Dazu gebuttertes Toastbrot. Nicht mein erstes Ceviche (an Lateinamerikas Küsten bekommt man das überall in unterschiedlicher Qualität; das beste gibt es wohl in Lima, Peru). Folglich: kein Problem.

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In Weißwein namens „Exportqualität“ für 2 EUR (der, wie alle billigen chilenischen Weine, erschreckend gut schmeckt) verkochte Muscheln. Ganz okay.


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Währenddessen teilen sich meine Freunde + ihre Freunde mit „¡Que rico!“ mit, dass sie die Kost durchaus wertschätzen und mehr.

Piure, aus Korallen rausgepultes Manteltier, ist eine Delikatesse in Chile. Insgesamt ein spannendes Tier, mir aber nach einem Bissen dann doch zu steil.

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Die Kunde über meine Ignoranz verbreitet sich beim nächsten Asado (merke: das nächste Asado ist nie weit weg), dann über die Metropolregion Santiago (und in Folge über Zentralchile) wie ein Lauffeuer. Ich werde zwar eher nicht geächtet, jedenfalls aber milde belächelt. Was soll’s, Scham und Ablehnung sind mir nicht fremd. Bei einem Gegenbesuch werde ich’s ihnen vergelten.

Als ich den Flieger nach Buenos Aires, ein Luxus, den ich mir gönne, denn der Nachtbus wäre günstiger gewesen, besteige, atmet ganz Fußball-Chile auf.

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