Ostkarte #001 – Shanghai, oder: wie sich die Vergangenheit die Zukunft vorgestellt haben könnte

Shanghai

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Jetlag ist für Cineasten, Kenner dieser fürchterlichen Streifen, nicht wirklich ein Thema. Sie stürzen sich aufs Entertainment-System des Langstreckenfliegers und schöpfen ab, was die Reisezeit so hergibt. Sie erreichen ihr Ziel rotgeäderten Auges und benehmen sich dadurch natürlich ein wenig überdreht, wie ein dehydrierter Raver, bevor sie gegen 20 Uhr ins Bett zusammenbrechen, statt bis 5 Uhr früh an der Hotelbar abzuhängen. Aber hey, sage ich bei mir, ich habe immerhin Oblivion, Iron Man 3, Prisoners und den letzten Film von Tony Soprano gesehen, und an den Rest kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern.

Reisewarnungen ereilen mich zu spät, so ein Glück

Treue Leser dieses Blogs (alle beide) wissen: Ich bin ein unverbesserlicher Vorabrecherchierer. Von Shanghai habe ich somit im Vorhinein einiges erfahren, wenig davon war positiv. Emsig, versmogt, ohne touristische Höhepunkte, nicht das wahre China, am besten, man bucht hier den nächstbesten Zug nach oben oder nach unten, wie der Geograph sagt. Tja, das geht leider nicht, denn ich habe es geschafft, mich in der Goldenen Woche hierher zu manövrieren, in die Zeit der zweitgrößten Völkerwanderung (700 Mio. Chinesen gleichzeitig on tour), die eigentlich nur vom chinesischen Neujahr getoppt werden kann, alles, was Räder hat, ist so ziemlich ausgebucht. Schweißgebadet, ich habe mein Malheur Minuten nach der Flugbuchung rasch erkannt, recherchiere ich mir die Katastrophe zurecht. Reisewarnungen von überall: Ja, die Goldene Woche, da sollte man am besten einen großen Bogen um China machen, das ganze Land steht dann, Chinesen überall. Mit Ausnahme vielleicht von Shanghai, denn da will eh niemand hin. Na toll.

Aber wie so oft kommt es ganz anders: Vom ersten Abend an zieht mich die Stadt in ihren Bann und konvertiert mich zu einem orthodoxen Jünger, der in Folge keine Gelegenheit auslassen wird, die Vorzüge Shanghais anzupreisen. Die da wären? Die für eine Stadt dieser Dimensionen (20 Mio. Einwohner) ungewöhnliche Kompaktheit. Modernste Infrastruktur, die samt bilingualer Straßennamen Zurechtfinden und Weiterkommen erleichtern. Und vor allem diese Architektur. Shanghai bietet eine einzigartige Mischung aus kolonialem Art Deco und absurdem, futuristischem Skyscrapertum. Wenn das dann am Abend in Neon getaucht wird, wenn dadurch die Smogpartikel in apokalyptischen Farben gebrochen werden, wenn dann direkt am Hausfluss ein unerwartetes, spektakuläres Feuerwerk einsetzt, Boote Leuchtrakete um Leuchtrakete verschießen, ohne dass ihnen das Pulver ausgehen will, dann fühlt man sich wie ins 21. Jahrhundert der 1920er Jahre versetzt, nach Metropolis, in eine Welt des Steampunks, ins New York des Blade Runners, des Lieblingsstreifens vieler dieser Cineasten. Durch die Straßen ziehen junge, schrille Chinesinnen, die sich mit mir photographieren lassen wollen, an provisorischen Ständen werden Snacks wie frittierter Skorpion verkauft (ich passe), weniger begabte Con Men beißen sich an mir die Zähne aus und ältere Einheimische versuchen in einer Mischung aus sprachbedingter Distanz und Neugierde einen Blick auf meine Photos zu erhaschen und mir auch gleich mal Motivvorschläge zu unterbreiten, die ich gerne in Erwägung ziehe.

Amöbe mit Assimilierungstrieb

Untertags erlischt diese Szenerie in einer milchigen Suppe und ich riskiere sternförmige Ausflüge in das erweiterte Zentrum. Was gibt es da zu holen? Das, was noch vom alten Shanghai übrigblieb, und um das herum das neue Shanghai gebaut wurde (um das herum das neuere Shanghai errichtet wurde): einige Tempel, Klöster und Gärten, die sich gegen ein wenig malerisches Panorama aus versprengten Wolkenkratzern stemmen. Oder noch recht traditionelle Gassen, die irgendwo zwischen Autobahnauffahrten existieren und unerklärlicherweise noch nicht plattgemacht wurden wie ein ortsfremder Fußgänger, der die Straße kreuzen wollte, weil die Ampel auf grün sprang. Diese Stadt wächst nicht nur unaufhörlich in die Höhe, sondern sie breitet sich auch aus wie eine Amöbe oder ein Borg, gegen dessen Assimilierungstrieb jeder Widerstand zwecklos ist. Das führt zu solchen Absurditäten, dass sich traditionelle Kanaldörfer auf einmal mitten in der Stadt wiederfinden – mit U-Bahn-Anschluss und flankierendem Shopping Center. Sie werden von Einheimischen für Einheimische touristisch erschlossen, sprich: in Fressmärkte umgewandelt. Megaphone spielen das immergleiche Tonband ab mit einer monotonen Frauenstimme auf Englisch und Mandarin, die die Besucher zum guten Benehmen ermahnt. Bitte nicht drängeln, nicht rotzen und nicht spucken. Alleine in Shanghai gibt es mehrere dieser Orte, ich habe bei weitem nicht alle gesehen, die wirken, als ob sie ganz woanders ausgeschnitten, mit einer Flotte von Zeppelinen hierher gebracht und tollpatschig in die Stadt transplantiert worden wären. Aber es geht auch anders: Weiter im Norden etwa gibt es ein Viertel, das nur aus alternativen Galerien besteht. Im Zentrum steht das wichtigste Kunstmuseum Festlandchinas und ist umsonst zu besichtigen (und dabei ist China ein Land, das bei Eintrittsgeldern zu gern zur Ader lässt).

Das alles klingt je nach Auslegung anthropologisch interessant bis hin zu abstoßend. Aber es ist eben diese Mischung, der stete Kontrast, Zerstören und Herrichten, was mich an Shanghai so sehr fasziniert. Die Stadt zieht ihren Wachstumsplan, ihr Ding unbeeindruckt durch, schert sich nicht darum, ob die Motive hinter dieser gigantischen Bauwut redlich sind oder ob es einem nun gefällt oder nicht, meinetwegen darf man sich gerne Richtung Peking vertschüssen. Ich wähle nach fünf Tagen aber die entgegengesetzte Richtung. In diesen fünf Tagen habe ich es nicht nur nicht geschafft, im vermeintlich uninteressanten Shanghai alles Interessante abzuklappern, ich habe es auch verabsäumt, den berühmten Satellitenstädten Hangzhou und Suzhou, die touristisch weit höher eingestuft werden, einen Besuch abzustatten. Shanghai, das eigentlich nicht China sein soll, wird von nun an mein Chinabild prägen und die Faszination für dieses Land, das ich ja eigentlich gar nicht kennengelernt habe, bis zum nächsten, ausführlicheren Besuch lodern lassen.

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