Ostkarte #006 – Japan, oder: Abwechslung bei wechselhaftem Wetter

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Shimonoseki ist eine unscheinbare Hafenstadt an der Südwestküste Japans mit einem kleinen, faden Einkaufsspitz, einer Bahnverbindung und gelangweilten Zöllnern, denen ich gerade recht komme. Im Séparée, während sie mein Gepäck durchwühlen, unterhalten wir uns über Dinge, die man ja so mitführen könnte, aber vielleicht besser nicht sollte, und der Zöllner deutet an, wie man sich einen Schuß setzt. „Drugs! Hehe. Cigarettes?“ Wenn der wüsste, wie sehr es mir vor Nadeln graust, alleine für die Reisebeimpfung musste ich unendliches Leid ertragen, das mich bis ans Ende meines Lebens traumatisiert hat, aber das sage ich ihm nicht, sondern lobe stellvertretend für das technologische Handwerk, für das sein Heimatland gerühmt wird: „My Canon camera. Made in Japan.“ Ein kluger Schachzug, und irgendwann stellen sie auch fest, dass ich doch nicht aus Australien bin und insofern aus der Risikogruppe rausfalle.

Und achja, ich war zwei Wochen in Japan und ansonsten lief es wie geschmiert.

Entlang des Radioactive Trail: von Nagasaki nach Hiroshima

Zügig macht Teo-San Bekanntschaft mit den reizenden Zwillingen Deflation und Währungsabwertung, denen er augenblicklich und umstandslos verfällt. Diese helfen ihm über seinen Kummer hinweg, mit der Maestrokarte nirgendwo in Japan Geld ziehen zu können, nicht einmal bei der Post. Vorsorglich hatte er ja alles an Won abgehoben, das an einem koreanischen Banktag möglich war, und in Yen umgetauscht. Doch blieb offen, ob das ausreichen würde. Ohja, es würde, mit ein paar budgetären Shortcuts durch die Mikrowellenabteilungen der japanischen Supermärkte.

Nagasaki übrigens ist eine unaufgeregte, kompakte Hafenstadt im Süden Japans mit ruhig gelegenen Kanälen, in denen, als wäre es das Natürlichste der Welt, Schwärme von bunten Koi schwimmen und daneben faule Schildkröten auf Steinen sonnen. Vereinzelt wird die Ruhe von marodierenden Enten unterbrochen, die den Koi das Futter wegfressen wollen, von denen aber erbarmungslos und gründlich weggebissen werden, auf dass die Vögel schnatternd abzischen. Wunderbare Welt der Natur, wo mal unverhofft nicht der Stärkere obsiegt. Es verirren sich nur wenige Touristen nach Nagasaki, häufig habe ich die vielen netten Flecken der Stadt für mich alleine. Diese gehört zu jenen, die nicht durch einzelne Höhepunkte glänzen, sondern im Gesamten positiv wirken. Die halbe Million Einwohner, die spürt man hier nirgends: Es geht ruhig und entspannt zu, das Zentrum ist kompakt gelegen, alles ist per Pedes vernünftig erreichbar, von der reizenden Tempelgasse, die freilich nicht mit den Schätzen Kyotos mithalten kann, über den die Stadt prägenden Naturhafen bis hin zu einem Kolonialviertel und den Gedenkstätten des Atombombenabwurfs.

Der eigentliche Knüller ist freilich der Stadt vorgelagert: Hashima Island. Auf der künstlich ausgebauten Insel wurde bis vor 40 Jahren Kohle geklopft. Seitdem rotten die Industrie- und Wohnanlagen vor sich hin und galten bis vor kurzem als beliebtes Ziel von Abenteurern, die sich mit Hilfe von Fischern der Nachbarinsel illegal auf die baufällige Insel wagten, um sich ihren Pripyat-Kick zu holen. Erst seit 2-3 Jahren darf man kleine Teile davon legal betreten. Und da mich die Insel nicht zuletzt seit dem letzten Bond-Streifen fasziniert, gehe ich dort mit einer Führung an Land. Viel zu kurz, viel zu eingeschränkt, aber fantastisch.

In der Zwischenzeit, einiges weiter nördlich: Die Bombe ist in Hiroshima weitaus präsenter als in Nagasaki. Abseits des groß angelegten, schlichten Gedenkzentrums gibt es mit einem netten Garten, einer überdachten Einkaufspassage und einer Burg quasi die Standard jeder japanischen Großstadt. Aber die Umgebung bietet viel, allem voran Miyajima, der weltberühmte Schrein mit dem im Wasser stehenden Torii, wo bereits die gefräßigen und ungschamigen Rehe nur darauf warten, dir die Wanderkarte aus der Gesäßtasche zu ziehen. Unschuldig blickende Biester, man kann ihnen einfach nicht böse sein.

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Die Kyoto-Protokolle

Mit Genuss und Shinkansen arbeite ich mich in den Norden vor. Schon nach den ersten Tagen bin ich von Japan begeistert: Alles funktioniert, die Menschen sind respektvoll, die Städte sauber, die Sehenswürdigkeiten zahlreich, alles nicht so teuer wie erwartet. Insbesondere die japanischen Gärten haben es mir angetan, die mit einem einmaligen Auge für Ästhetik und Gesamtwirkung angelegt wurden, dabei aber kaum jemals die Grenze zum Protzigen, zum Kitschigen überschreiten. Ich komme in Kyoto an, alle wollen hierhin, dennoch verfliegt meine Skepsis schnell. Es ist das Rom Asiens. Ganze Viertel sind im gnadenlosen Schachbrettmuster angelegt. Kleine, traditionelle Häuser mit zwei Etagen säumen die Straßen. Über die gesamte Stadt sind abwechslungsreiche Kulturstätten wie der Goldene Pavillon versprengt, Burgen, ein Berg, auf dem Affen hausen, es gibt ein Geishaviertel, in dem die Oberleitungen der Strassen unter die Erde verlegt wurden, damit alles authentischer wirkt und irgendwo auf einer Freilichtbühne wird für eine Theatervorstellung geprobt. Die Stadt überwältigt mit Klasse und Masse an Sehenswürdigkeiten. Nicht einmal der viele Regen trübt die Begeisterung. Dabei nächtige ich zumeist in Osaka, einer modernen Millionenstadt, die ihre Partymeile entlang eines engen, von Neonlicht durchfluteten Kanals aufgezogen hat, ansonsten aber eher zweckmäßig bleibt.

Gar nicht mal so gut: Tokio

Auf rauschhafte Tage in Kyoto und Umgebung folgt die Tokioter Ernüchterung, denn von einer Stadt der Superlative hätte ich mir ehrlich gesagt mehr Superlative erwartet als das höchste Rathaus der Welt. Ich habe mir erwartet, in Tokio die neongeschwängerte Verrücktheit von Shanghai, Hong Kong oder meinetwegen zumindest Osaka mehrfach potenziert auf mich zurückgeworfen zu bekommen. Für die größte Betonwüste der Welt bleibt Tokio aber sehr bescheiden und brav. Ich gehe in die Schauräume der wichtigsten japanischen Kamerahersteller, finde dort ein paar brave Hochglanzphotographien vor, wo ich mir zumindest Holodecks erwartete. Ich inspiziere die bunten Partyviertel: einzelne, mit Schulmädchen (und lookalikes) vollgestopfte Straßenzüge ohne Gegenwert. In den drei Tagen Tokio weiche ich also lieber auf die Umgebung aus: Ich fahre nach Nikko, einer weiteren Tempelstadt, doch das Kyotofeeling stellt sich nicht ein. Wo sich die Massen in Kyoto gleichmäßig über die Stadt verteilten, sammelt sich hier alles auf wenig Raum und trübt den Genuss dieser an wichtigen Ikonen der japanischen Kultur überreichen Stadt.

Und währenddessen sich Tokio in Regen, Nebel, Kälte und Dunkelheit hüllt, weil auch hier der Winter unaufhaltsam einbricht, freue ich mich auf meinen Flug nach Singapur, wo die Sonne scheint, wie ich mir zumindest erhoffe.

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