Ostkarte #005 – Südkorea, oder: Der seltene Fall des Busanliebhabers

Click for South Korea gallery!

Click for South Korea gallery!

Als ich spät in Incheon lande, an der medizinischen Touristeninformation vorbei zur Bushaltestelle laufe und feststelle, dass Seoul, 20 Mio. Einwohner, nach 23 Uhr seine öffentliche Verbindung zum internationalen Flughafen kappt und – hallo, Taxi – für Bankomaten Öffnungszeiten gelten, kann ich jedenfalls nicht behaupten, dass ich nicht gewarnt worden wäre. Die Taiwaner, freundliches, in sich ruhendes Völkchen, protestierten ja ob meiner südkoreanischen Pläne ungewöhnlich vehement: Land und Leute seien kalt, verbissen, krankhaft ehrgeizig, und die plastische Chirurgie als Mittel zur körperlichen Optimierung wird bei diesen Koreanern groß geschrieben. Mein Interesse ward also geweckt und ich buchte einen Flug.

Kein Zugang zu Seoul

Jedenfalls will der Nachhall der taiwanesischen Kassandrarufe auch nach mehreren Tagen Seoul, ich habe mich zwischenzeitlich vom Flughafen in die Stadt durchgeschlagen, nicht verebben. Auf unangenehme Weise riesig und unförmig ist die Kapitale, und ihr fehlt das, was mich an Metropolen fasziniert: die Skyline. Über den Stadtkern sind mehrere großzügig dimensionierte Palastanlagen verteilt, die auf dem Papier mehr versprachen, und die obligaten asiatischen Märkte sind so, wie Märkte halt sind: etwas für Freunde von asiatischen Märkten, und ich bin kein Freund von obligaten asiatischen Märkten.

Südkorea

Der Busanliebhaber

Nach wenigen Tagen der halbherzigen Versuche, Seoul mehr abzuringen als gute Snacks und erstklassiges Internetbreitband, übersetze ich in den Süden der Halbinsel. Busan verspricht einiges von dem, was ich für Gewöhnlich mag: hügelige Topographie und direkte Meereslage. Enthusiastisch stürze ich mich ins Abenteuer, verlaufe mich aufs Fürchterlichste, und nach einem Hubschraubereinsatz greife ich dann lieber auf einen gediegeneren Ansatz zur Erkundung zurück.

Neue checken ins sehr nett belegte internationale Hostel ein. Sie sind von Seoul noch richtiggehend erglüht und alle anderen stimmen in die Schwärmerei mit ein. Wie gerne wären Sie nicht alle noch oder wieder in Seoul, worauf mir Zweifel an meiner Auffassungsgabe kommen. So, und wo ist nun hier die Party, fragen die jungen Deutschen. Und alle blicken betreten zu Boden, denn das Amusement, das macht um Busan einen großen Bogen, vor allem in der aktuellen Prüfungswoche, in der die jungen Einheimischen bis an die Grenzen der Suizidalität um ihr gesellschaftliches Überleben büffeln. Neuankömmlinge schwärmen dennoch gleich mal aus, wir werden sie in 30 Minuten wieder antreffen, kopfschüttelnd, während die Wissenden, irgendwie allesamt Japanologen, die einen Fehler begangen haben, sich routiniert Nacht um Nacht in den Stall saufen.

Und während sie ihren standesgemäßen Reisweinrausch ausschlafen, weiß ich nicht, was sie haben. Die Stadt ist ganz nach meinem Geschmack: ein Strand, so eine Art Skyline gibt es auch, kilometerweite Wanderwege entlang von Klippen, wo man trotz allem nicht auf selbstreinigende Luxustoiletten verzichten muss, die Chopin spielen, während sie das Porzellan unaufhörlich und selbsttätig mit Schaum benetzt. Und das Wahrzeichen, die elendslange Diamond Bridge, die eine Halbinsel mit der anderen auf dekadente, da nicht unbedingt lebensnotwendige Weise verbindet, ist ein unnötiges Trum, wie ich es in Shanghai dutzendfach zu lieben gelernt habe. Nicht genug, wurde am anderen Ende der Stadt eine gegen den Hügel gebaute Siedlung zu einem photogenen, bunten Künstlerdorf gentrifiziert, das niemanden interessiert. Ein Traum!

Nach fünf Tagen Busan entere ich zufrieden die Nachtfähre nach Japan.

1.365 Comments Add Yours